8. November 2026

Neuigkeiten NEWS

www.projekt-forum.org

Europa auf Kriegskurs: US-Waffenlieferungen an NATO-Staaten gehen unvermindert weiter – das passiert aktuell

 

Während die diplomatischen Bemühungen um eine Beendigung des Ukraine-Krieges bislang keinen dauerhaften Frieden gebracht haben, schreitet die militärische Aufrüstung an der NATO-Ostflanke voran. Allein im Oktober und Anfang November 2026 wurden amerikanische F-35-Kampfjets, Präzisionsraketen, Kampfdrohnen, Radarsysteme und militärische Brückenlegefahrzeuge an europäische NATO-Mitglieder geliefert. Gleichzeitig kehren amerikanische Kampfeinheiten nach Estland zurück. Die einzelnen Lieferungen sind durch Verteidigungsministerien und Fachmedien dokumentiert. Zusammengenommen zeigen sie, wie systematisch die militärischen Fähigkeiten für einen möglichen grösseren Konflikt in Europa ausgebaut werden.

Besonders deutlich wird diese Entwicklung in Polen. Das Land hat seine Streitkräfte in den vergangenen Jahren massiv modernisiert und setzt dabei in erheblichem Umfang auf amerikanische Waffensysteme. Am 27. Oktober traf das zehnte F-35A-Kampfflugzeug des Typs «Husarz» auf dem polnischen Luftwaffenstützpunkt Łask ein. Bereits am 1. Oktober war die neunte Maschine geliefert worden. Insgesamt hat Warschau 32 dieser Tarnkappen-Kampfjets bestellt. Die F-35 kann nicht nur Ziele aus grosser Entfernung bekämpfen, sondern auch gegnerische Radarsysteme aufklären und Informationen mit anderen Flugzeugen sowie bodengestützten Luftverteidigungssystemen austauschen.

Auch die polnischen Panzerstreitkräfte werden weiter ausgebaut. Bereits am 21. September bestätigte Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz die Lieferung weiterer 35 amerikanischer M1A2-SEPv3-Abrams-Kampfpanzer. Damit waren 217 der insgesamt 250 bestellten Panzer eingetroffen. Die verbleibenden 33 sollen bis Ende 2026 folgen. Zusätzlich verfügt Polen über 116 ältere M1A1-Abrams-Panzer. Damit wird das Land nach Abschluss der Lieferungen insgesamt 366 amerikanische Abrams-Kampfpanzer besitzen.

Ende Oktober folgte eine weitere Lieferung amerikanischer M1110 Joint Assault Bridge. Diese auf dem Abrams-Fahrgestell basierenden Brückenlegefahrzeuge ermöglichen schweren Panzerverbänden das Überqueren von Gräben, Wasserläufen und zerstörter Infrastruktur. Sie können Hindernisse von bis zu 18,3 Metern Breite überwinden. Insgesamt hat Polen 25 dieser Fahrzeuge bestellt. Wie viele bei der jüngsten Lieferung eintrafen, wurde nicht bekannt gegeben.

Militärisch ist diese Kombination besonders bedeutsam. Kampfpanzer, Brückenlegefahrzeuge, moderne Kampfflugzeuge und unterstützende Logistik bilden zusammen die Voraussetzungen für grössere mechanisierte Militäroperationen. Die neuen Fähigkeiten verbessern sowohl die Verteidigung gegen einen Angriff als auch die Möglichkeit, eigene Panzerverbände über grössere Entfernungen einzusetzen.

Auch die baltischen NATO-Staaten erhalten neue amerikanische Waffensysteme. Am 7. Oktober bestätigte das litauische Verteidigungsministerium die erste Lieferung amerikanischer Switchblade-600-Kampfdrohnen des Herstellers AeroVironment. Die mit panzerbrechenden Sprengköpfen ausgestatteten Drohnen können bis zu 40 Minuten in der Luft bleiben und gepanzerte Fahrzeuge aus grösserer Entfernung bekämpfen.

Nach offiziellen litauischen Angaben hat das Land in den vergangenen drei Jahren amerikanische Waffen und militärische Ausrüstung im Wert von rund zwei Milliarden Euro beschafft. Dazu gehören Javelin-Panzerabwehrraketen, gepanzerte JLTV-Fahrzeuge, Black-Hawk-Hubschrauber, HIMARS-Raketenartillerie und AMRAAM-Flugkörper für die Luftverteidigung.

Am 20. Oktober meldete Litauen zudem die Einführung neuer amerikanischer AN/TPS-77-MRR-Radarsysteme des Herstellers Lockheed Martin. Die mobilen Anlagen sollen Luftziele frühzeitig erkennen und ihre Daten direkt an das integrierte Luft- und Raketenabwehrsystem der NATO übermitteln. Damit werden die nationalen Streitkräfte enger mit der militärischen Überwachungs- und Verteidigungsinfrastruktur des Bündnisses verbunden.

In Estland bestätigte Verteidigungsminister Martin Herem am 22. Oktober die Ankunft amerikanischer GMLRS-Lenkflugkörper für die HIMARS-Raketenwerfer. Diese Munition erreicht Ziele in rund 70 Kilometern Entfernung. Estland verfügt bereits über sechs HIMARS-Werfer und hat drei weitere bestellt, die 2027 eintreffen sollen. Die ebenfalls bestellten ATACMS-Raketen mit einer Reichweite von bis zu 300 Kilometern stehen dagegen weiterhin aus. Deren Lieferung war im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg zeitweise ausgesetzt worden.

Am 6. November wurde ausserdem bekannt, dass eine neue amerikanische Kampfeinheit in Estland eingetroffen ist. Nach Angaben der US-Botschaft handelt es sich um eine reguläre neunmonatige Rotation der Apache Troop des 5. Schwadrons des 4. Kavallerieregiments. Die ersten Soldaten und ihre Ausrüstung befanden sich zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehr als einer Woche im Land. Damit setzen die USA ihre militärische Präsenz im Baltikum nach einer zwischenzeitlichen Unterbrechung fort.

Die Aufrüstung beschränkt sich jedoch nicht auf die unmittelbare Grenze zu Russland. Am 23. Oktober erreichten zwei weitere amerikanische F-35A-Kampfflugzeuge den finnischen Luftwaffenstützpunkt Rovaniemi. Damit befanden sich vier dieser Maschinen in Finnland. Das Land hat insgesamt 64 F-35 bestellt, die seine bisherigen F/A-18-Hornet-Kampfflugzeuge ersetzen sollen. Seit dem NATO-Beitritt Finnlands im April 2023 hat sich die strategische Lage an der rund 1.340 Kilometer langen finnisch-russischen Grenze grundlegend verändert.

Auch Bulgarien modernisiert seine Landstreitkräfte mit amerikanischer Technik. Am 3. November wurden die ersten fünf Stryker-Radpanzer nach ihrer Endmontage offiziell an die Streitkräfte übergeben. Die Fahrzeuge waren bereits im Februar eingetroffen. Insgesamt sieht das Beschaffungsprogramm 183 Stryker-Fahrzeuge und 15 zusätzliche Logistikfahrzeuge im Wert von mehr als 1,4 Milliarden Dollar vor. Bulgarien will darüber hinaus zu einem regionalen Zentrum für die Montage und Wartung dieser Fahrzeuge werden.

Die Aufrüstung erfolgt nicht zufällig, sondern ist Bestandteil einer langfristigen militärischen Neuorganisation der NATO.

Auf dem Gipfeltreffen in Den Haag im Juni 2025 beschlossen die Mitgliedstaaten, ihre Verteidigungs- und sicherheitsbezogenen Ausgaben bis 2035 auf fünf Prozent ihrer jeweiligen Wirtschaftsleistung zu erhöhen. Davon sollen mindestens 3,5 Prozent unmittelbar in militärische Fähigkeiten fliessen, während weitere 1,5 Prozent unter anderem für Infrastruktur, Cybersicherheit und die Rüstungsindustrie vorgesehen sind.

Die NATO begründet ihre Aufrüstung mit der Bedrohung durch Russland und der Notwendigkeit glaubwürdiger Abschreckung. Aus Sicht der Mitgliedstaaten sollen stärkere Streitkräfte einen möglichen Angriff verhindern. Gleichzeitig werden damit jedoch Fähigkeiten geschaffen, die auch für einen grossangelegten konventionellen Krieg benötigt würden: moderne Kampfflugzeuge, Raketenartillerie, schwere Panzerverbände, Gefechtsfeldüberwachung und die notwendige militärische Logistik.

Das bedeutet nicht, dass ein Angriffskrieg der NATO beschlossen wurde oder ein direkter Krieg mit Russland unmittelbar bevorsteht. Die dokumentierten Lieferungen zeigen jedoch, dass zahlreiche europäische Staaten ihre Streitkräfte gezielt auf die Fähigkeit vorbereiten, einen solchen Konflikt militärisch führen zu können.

Hinzu kommt die starke Abhängigkeit Europas von amerikanischer Militärtechnologie. Die neuen Panzer, Flugzeuge, Lenkflugkörper, Drohnen und Überwachungssysteme stammen grösstenteils von US-Rüstungskonzernen wie Lockheed Martin, General Dynamics und AeroVironment. Für diese Unternehmen bedeutet die europäische Aufrüstung Aufträge in Milliardenhöhe, während die finanziellen Verpflichtungen vor allem bei den europäischen Staaten liegen.

Europa befindet sich damit in einer Phase umfassender militärischer Vorbereitung. Was einzeln als Modernisierung, Ersatzbeschaffung oder Stärkung der Abschreckung bezeichnet wird, ergibt in der Gesamtschau den Aufbau deutlich grösserer militärischer Fähigkeiten entlang der NATO-Ostflanke.

Die Frage bleibt, ob diese Aufrüstung tatsächlich einen Krieg verhindern wird oder ob sie das gegenseitige Bedrohungsgefühl zwischen Russland und der NATO weiter verschärft.

Quellen

Polen

Litauen

Estland

Finnland und Bulgarien

NATO

 

Europa auf Kriegskurs: US-Waffenlieferungen an NATO-Staaten gehen unvermindert weiter – das passiert aktuell