Europa erlebt ein Wochenende ungewöhnlich breiter Proteste. In Frankreich gingen am Samstag nach Regierungsangaben rund 320.000 Menschen auf die Straße, in Deutschland fanden Demonstrationen in 34 Städten statt, in Portugal protestierten Tausende gegen explodierende Mieten, in den Niederlanden mobilisierte erneut eine junge Protestbewegung. Hinzu kommen die anhaltenden Unruhen in Albanien, die Verfassungskrise mit Demonstrationen in Polen sowie Proteste in London gegen das Verbot von Palestine Action, bei denen 139 Menschen festgenommen wurden. In Italien hatten bereits am Freitag Hunderttausende Arbeiter, Studenten, Bauern und andere Gruppen demonstriert. Die jeweiligen Auslöser unterscheiden sich, doch ein roter Faden ist kaum zu übersehen: steigende Lebenshaltungskosten, unbezahlbares Wohnen, unterfinanzierte Schulen und öffentliche Dienste, sinkende Zukunftsaussichten – und zunehmend die Frage, warum gleichzeitig immer mehr Geld für Krieg und Aufrüstung zur Verfügung steht.
Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang in Deutschland. Dort forderten die Demonstranten mehr Investitionen in Bildung, Gesundheit und soziale Dienste, niedrigere Lebenshaltungskosten und wandten sich ausdrücklich gegen eine mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht. Bei vorausgehenden Studentenaktionen war auf Transparenten bereits zu lesen: „Die Reichen wollen Krieg, die Jugend will Zukunft.“ In Italien war die Kritik an steigenden Energie- und Treibstoffkosten ebenfalls mit Forderungen nach höheren Löhnen, besseren öffentlichen Diensten und Widerstand gegen Militärausgaben verbunden. In Frankreich begann die Protestwelle mit maroden Schulen, Lehrermangel und Problemen beim Hochschulzugang, weitete sich jedoch schnell auf Lebenshaltungskosten, Wohnungsnot und Unzufriedenheit mit der Regierung Macron aus. Europa erlebt deshalb keine einheitlich gesteuerte Protestbewegung – aber sehr ähnliche soziale Spannungen in immer mehr Ländern.
Wie unmittelbar die Kriege inzwischen auf den Alltag zurückwirken, zeigte am Freitag eine weitere, außergewöhnliche Aktion: Hafenarbeiter und Seeleute in 113 Häfen in 22 Ländern legten zumindest zeitweise die Arbeit nieder. Mehr als 25 Gewerkschaften beteiligten sich an dem Protest, der ursprünglich von Organisationen in Italien, Frankreich, Griechenland, dem spanischen Baskenland, der Türkei und Marokko ausging. Zu den betroffenen Häfen gehörten Piräus, Valencia, Le Havre, Algeciras und Genua. Die Forderungen waren unmissverständlich: Häfen sollten nicht länger für Waffenlieferungen und militärische Transporte genutzt werden, Seeleute müssten in Kriegsgebieten besser geschützt werden, außerdem verlangten die Beschäftigten höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Im Golf wurden allein in den ersten 21 Tagen des Oktober nach Gewerkschaftsangaben 28 Schiffe angegriffen; im Schwarzen Meer wurden 2026 bislang 570 Angriffe registriert, bei denen 40 Seeleute getötet und Hunderte verletzt worden seien. „Wir werden nicht für ihre Kriege arbeiten und nicht zu ihrem Kanonenfutter werden“, erklärte ein griechischer Gewerkschaftsvertreter gegenüber Reuters.
Auch die steigenden Preise sind nicht losgelöst von diesen Kriegen zu betrachten. Reuters berichtet, dass der Krieg gegen Iran die Energiepreise erheblich nach oben getrieben und die bereits vorhandene europäische Lebenshaltungskrise weiter verschärft hat. Die Europäische Kommission schätzte die bisherigen wirtschaftlichen Belastungen Europas durch gestörten Handel und Energiemärkte auf rund 100 Milliarden Euro; Gaspreise seien seit Beginn des Konflikts stark gestiegen, Diesel habe sich zeitweise erheblich verteuert. Parallel wirken die Folgen des Ukraine-Krieges weiter auf Energieversorgung, Handel und Staatshaushalte.
Gleichzeitig steigen die europäischen Verteidigungsausgaben in einem Tempo, das vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre. Die EU-Mitgliedstaaten gaben 2025 zusammen 418 Milliarden Euro für Verteidigung aus; für 2026 werden bereits rund 454 Milliarden Euro erwartet. Das sind 75 Prozent mehr als 2021. Allein die Investitionen in militärische Ausrüstung und andere Verteidigungsprojekte sollen 2026 rund 163 Milliarden Euro erreichen. Das bedeutet nicht automatisch, dass jeder zusätzliche Verteidigungseuro unmittelbar bei Schulen, Wohnungen oder Krankenhäusern fehlt. Doch wenn Regierungen gleichzeitig über Haushaltslöcher, Sparprogramme und fehlendes Geld für öffentliche Infrastruktur sprechen, während Militärausgaben Rekordhöhen erreichen, ist es wenig überraschend, dass genau dieser Gegensatz auf den Straßen zunehmend thematisiert wird.
Ähnlich komplex ist die Wohnungsfrage. Es wäre zu einfach, Europas Wohnungsnot ausschließlich auf Einwanderung zurückzuführen. Zu wenig Neubau, hohe Baukosten, Bürokratie, Tourismus, kleinere Haushalte und die Konzentration von Arbeitsplätzen in Städten spielen ebenfalls eine große Rolle. Doch selbst das Forschungszentrum der EU-Kommission hält fest, dass Migration neben Urbanisierung und steigender Zahl von Haushalten die Wohnungsnachfrage direkt verändert. In Teilen Portugals und Spaniens haben starkes Bevölkerungswachstum und Einwanderung zusammen mit zu geringer Bautätigkeit massive Angebotslücken geschaffen. Gleichzeitig sind die Hauspreise in der EU seit 2015 um fast 65 Prozent gestiegen, während die Mieten um rund 20 Prozent zulegten.
Was dieses Wochenende sichtbar macht, ist deshalb größer als eine einzelne Demonstration. In Frankreich geht es um Schulen und Preise, in Deutschland um Bildung, soziale Dienste und Wehrpflicht, in Portugal und Spanien um Wohnungen, in Albanien um Korruption und fehlende Perspektiven, in Polen um die Verfassungsordnung und in London um Gaza und Bürgerrechte. Gleichzeitig verweigern sich Hafenarbeiter in 22 Ländern der Rolle ihrer Häfen in einer expandierenden Kriegswirtschaft.
Europa steht damit nicht vor einem Aufstand mit einem gemeinsamen Organisator. Aber immer mehr gesellschaftliche Konflikte laufen auf dieselbe Frage hinaus: Warum werden Leben, Wohnen, Energie und öffentliche Dienste für die Bevölkerung immer teurer und unsicherer, während gleichzeitig Milliarden für Aufrüstung, Waffen und immer neue geopolitische Konflikte mobilisiert werden können?
Die Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten und gegen Iran sind nicht die alleinige Ursache dieser europäischen Krise. Doch sie verschärfen Energiepreise, Haushaltsdruck und Unsicherheit – und sie verändern die politischen Prioritäten der Regierungen. Wohnungsnot, Migration, stagnierende Einkommen und vernachlässigte Infrastruktur kommen hinzu. Dass diese Mischung nun gleichzeitig in immer mehr europäischen Städten auf die Straße drängt, dürfte deshalb weniger Zufall als Ausdruck eines tiefer werdenden gesellschaftlichen Konflikts sein.
Wo in Europa protestiert wurde – und warum
- Frankreich: landesweite Proteste gegen hohe Lebenshaltungskosten, Probleme im Bildungswesen, schwache öffentliche Dienste und die Regierung Macron.
- Deutschland: Demonstrationen in 34 Städten für mehr Geld für Bildung und Soziales, niedrigere Lebenshaltungskosten und gegen Wehrpflicht und Aufrüstung.
- Italien: Generalstreik und Demonstrationen in mehr als 40 Städten gegen niedrige Löhne, hohe Preise, Sparpolitik, Militärausgaben und Waffenlieferungen.
- Spanien: Jugendproteste sowie Hafenaktionen unter anderem in Barcelona, Valencia, Bilbao und Algeciras – gegen Wohnungsnot und soziale Unsicherheit sowie gegen Waffenlieferungen und Krieg.
- Portugal: Demonstrationen gegen steigende Mieten, Wohnungsnot und den Abbau des Mieterschutzes.
- Griechenland: große Hafenarbeiteraktionen, insbesondere in Piräus – gegen Waffenlieferungen, Krieg und die Gefahren für Seeleute sowie für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen.
- Belgien: Beteiligung an der internationalen Hafenaktion in Antwerpen; gleichzeitig gehört Belgien zu den Ländern der jüngsten sozialen Protestwelle gegen Lebenshaltungskosten und Sparpolitik.
- Dänemark: Hafenarbeiteraktionen in Aarhus und Kopenhagen gegen Waffenlieferungen und die Militarisierung ziviler Häfen.
- Schweden: Aktionen in elf Häfen gegen Waffenlieferungen, Krieg und Militarisierung.
- Türkei: Proteste und Hafenaktionen unter anderem in Istanbul sowie angekündigte Aktionen in Mersin und Gemlik – gegen Krieg und Rüstungstransporte.
- Zypern: Arbeitsniederlegungen im Rahmen der internationalen Hafenarbeiteraktion gegen Waffenlieferungen und Militarisierung.
- Irland: die Gewerkschaft SIPTU unterstützte die internationale Hafenarbeiter-Mobilisierung; daneben gab es in den vergangenen Wochen soziale Proteste in Dublin.
- Niederlande: Gen-Z-Aufrufe und Proteste in Den Haag wegen hoher Lebenshaltungskosten, Wohnungsmangel und fehlender Zukunftsperspektiven.
- Polen: Demonstrationen wegen des eskalierenden Machtkampfs um das Verfassungsgericht.
- Großbritannien: Proteste in London gegen das Verbot von Palestine Action und gegen die britische beziehungsweise westliche Nahostpolitik.
- Albanien: anhaltende Jugendproteste gegen hohe Kosten, schlechte Bildungsperspektiven, Korruption und die Regierung.
- Österreich und Schweiz: auch hier kursierten im Umfeld der europäischen Gen-Z-Bewegung Protestaufrufe; größere Aktionen dieses konkreten Wochenendes sind bislang jedoch weniger eindeutig dokumentiert.
Quellen:
- AP – Protestwelle in Frankreich, Deutschland, Portugal und den Niederlanden
- Reuters – 113 Häfen in 22 Ländern streiken gegen Waffenlieferungen und Krieg
- Reuters – Energiepreise und Iran-Krieg treiben Europas soziale Unruhe
- EU-Rat – Verteidigungsausgaben der EU 2026
- EU-Kommission/JRC – Wohnungsbedarf, Demografie und Migration
- Reuters – Wohnungsproteste in Portugal
