Japan verschärft seinen Katastrophenschutz. Katastrophenschutzminister Gōshi Hosono kündigte an, am 2. November – dem ersten Tag der neuen nationalen Katastrophenschutzbehörde – eine landesweite „dringende Aufforderung“ an Ministerien, Präfekturen und die gesamte Bevölkerung zu richten. Die Bürger sollen Lebensmittel, Trinkwasser und Notfalltoiletten für mindestens drei Tage, möglichst aber für eine ganze Woche, zu Hause bereithalten.
Dass Japan seine Bevölkerung zur Vorsorge gegen Erdbeben, Tsunamis und andere Naturkatastrophen auffordert, ist grundsätzlich nichts Neues. Ungewöhnlich ist jedoch die Kombination aus der Wortwahl „dringende Aufforderung“, dem landesweiten Charakter der Maßnahme und einem Thema, das Hosono inzwischen ausdrücklich in die Katastrophenplanung einbezieht: Cyberangriffe auf kritische Systeme.
Der Hintergrund ist konkret. Mitte Oktober wurde ausgerechnet ein System angegriffen, das zahlreiche japanische Kommunen zur Verbreitung von Katastrophen- und Warnmeldungen nutzen. Der Betreiber des Systems SpeeCAN RAIDEN, die Firma Arcadia, stellte einen unbefugten Zugriff fest. Mehrere Kommunen mussten daraufhin Teile ihrer Warnsysteme abschalten; gleichzeitig bestand die Möglichkeit, dass persönliche Daten und E-Mail-Adressen von Nutzern abgeflossen waren. In Tonami etwa konnten zeitweise weder Katastrophen- noch andere Warnmeldungen per E-Mail verschickt werden. Auch die automatische Weiterleitung bestimmter Warninformationen an Webseiten und soziale Netzwerke war betroffen.
Am 16. Oktober reagierte Hosono persönlich auf den Vorfall. In einer offiziellen Pressekonferenz erklärte er, bei zahlreichen Kommunen sei die Verbreitung von Katastropheninformationen per E-Mail ausgefallen. Der Staat müsse deshalb sicherstellen, dass Warnungen über alternative Wege wie Fernsehen, Radio, kommunale Lautsprechersysteme oder soziale Medien verbreitet werden könnten.
Bemerkenswert war vor allem seine Einschätzung für die Zukunft: Solche unbefugten Zugriffe würden seiner Ansicht nach „wahrscheinlich erheblich häufiger auftreten“. Deshalb müsse die neue Katastrophenschutzbehörde Strukturen schaffen, um Kommunen auch gegen derartige Angriffe zu unterstützen.
Damit wird Cyberabwehr erstmals deutlich sichtbar mit der klassischen japanischen Katastrophenvorsorge verzahnt.
Hosono ging in seinem aktuellen FNN-Interview noch einen Schritt weiter. Bei einem extrem großen Naturereignis könne Japan nicht davon ausgehen, dass ausschließlich eine Naturkatastrophe bewältigt werden müsse. Er verwies darauf, dass während einer Großkatastrophe gleichzeitig beispielsweise ein Terroranschlag oder Cyberangriff stattfinden könnte. Die japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte müssten deshalb Kapazitäten zurückhalten und könnten bei einem landesweiten Katastrophenszenario nicht unbegrenzt sämtliche zivilen Aufgaben übernehmen.
Genau deshalb fordert Hosono die Bevölkerung auf, mehrere Tage möglichst ohne staatliche Hilfe überstehen zu können. Bei einem Nankai-Trog-Erdbeben, einem schweren Erdbeben unter Tokio oder einer anderen Katastrophe nationalen Ausmaßes könne selbst die Regierung nicht sofort alle Betroffenen versorgen. Wer sich zunächst selbst helfen könne, entlaste das System und ermögliche es, staatliche Hilfe auf ältere Menschen, Behinderte und andere besonders Hilfsbedürftige zu konzentrieren.
Als mögliche Großszenarien nennt der Minister ausdrücklich das Nankai-Trog-Erdbeben, ein schweres Erdbeben im Großraum Tokio, Mega-Erdbeben entlang des Japan- und Kurilen-Grabens sowie einen Ausbruch des Fuji. Besonders kritisch seien miteinander gekoppelte Ereignisse. Ein Nankai-Trog-Erdbeben zusammen mit einem Fuji-Ausbruch oder ein schweres Tokio-Erdbeben in Verbindung mit einem weiteren Großereignis könne nach seinen Worten zu einer nationalen Krise werden.
Allerdings gibt es derzeit keinen offiziellen Hinweis auf ein unmittelbar bevorstehendes Nankai-Trog-Erdbeben. Die japanische Wetterbehörde JMA erklärte am 7. Oktober ausdrücklich, dass keine besonderen Veränderungen beobachtet worden seien, die darauf hindeuteten, dass die kurzfristige Wahrscheinlichkeit eines großen Erdbebens gegenüber dem ohnehin hohen normalen Risiko angestiegen sei.
Die aktuelle Aufforderung lässt sich deshalb nicht als Warnung vor einem konkret bevorstehenden Erdbeben einordnen.
Auffällig ist vielmehr etwas anderes: Japan denkt Katastrophenschutz inzwischen nicht mehr nur als Vorbereitung auf Erdbeben, Tsunamis oder Vulkanausbrüche. Cyberangriffe werden zunehmend als möglicher Bestandteil einer Mehrfachkrise betrachtet.
Und genau hier erhält die aktuelle „dringende Aufforderung“ eine neue Dimension. Nur wenige Wochen bevor Japan seine neue Katastrophenschutzbehörde startet und die gesamte Bevölkerung zu einer Woche Eigenversorgung auffordert, wurde ein tatsächlich eingesetztes kommunales Warnsystem durch einen Cyberangriff gestört. Der zuständige Minister erklärte daraufhin öffentlich, dass solche Angriffe künftig erheblich häufiger auftreten könnten.
Japan bereitet sich damit nicht auf eine bestimmte Katastrophe vor. Die neue Strategie geht offenbar davon aus, dass Naturkatastrophen, Ausfälle kritischer Infrastruktur und Cyberangriffe gleichzeitig auftreten können – und dass der Staat in einer solchen Situation möglicherweise nicht mehr jeden Bürger sofort erreichen oder versorgen kann.
Am 2. November soll diese neue Phase offiziell beginnen.
Quellen:
- FNN zur landesweiten „dringenden Aufforderung“ FNNプライムオンライン
- Kabinettsamt zu Hosonos Cyber-Warnung vom 16. Oktober 内閣府ホームページ
- JMA zur aktuellen Nankai-Trog-Lage JMA Data
- Kommunale Meldung zum Cyberangriff auf SpeeCAN RAIDEN 砺波市役所
