Der polnische EU-Abgeordnete Grzegorz Braun hat Kaja Kallas im Europäischen Parlament mit schweren Vorwürfen konfrontiert: Während Brüssel die Ukraine weiter finanziere und auf einen EU-Beitritt vorbereite, entwickle sich Kriegführung nach Brauns Darstellung selbst zu einem ukrainischen „Exportprodukt“. Als Beispiel verwies er auf Niger und behauptete, dort sei vor französischen und ukrainischen Kräften an der Grenze gewarnt worden. Die Rede fand tatsächlich am 20. Oktober im Straßburger Plenum statt. Und auch der Vorwurf, dass ukrainische Spezialkräfte inzwischen außerhalb Europas operieren, ist nicht aus der Luft gegriffen. Allerdings geht Braun bei Niger weiter, als die bislang belegten Fakten reichen.
Braun richtete seine Worte direkt an EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas. Er warf ihr vor, ein von ihm als „korruptes neo-nazistisches Regime“ bezeichnetes Kiew zu fördern, zu subventionieren und als künftigen EU-Partner aufzubauen. Anschließend erklärte er, Krieg und Kriegführung seien für die Ukraine inzwischen zu einer „nationalen Industrie und wichtigsten Exportware“ geworden.
Die Formulierungen sind Brauns politische Bewertung. Interessanter ist der konkrete Vorwurf, auf den er sie stützt.
Niger erhob tatsächlich schwere Vorwürfe gegen Frankreich und die Ukraine
Braun verwies auf eine Rede des nigrischen Premierministers Ali Mahaman Lamine Zeine vor den Vereinten Nationen.
Diese Rede gab es tatsächlich.
Zeine beschuldigte Frankreich Ende September bei der UN-Generalversammlung, gemeinsam mit der Ukraine bewaffnete Gruppen zu unterstützen, die Niger destabilisieren und Angriffe auf militärische Stellungen sowie Ölanlagen vorbereiten würden. Er sprach von Kräften im Nordosten des Landes beziehungsweise im Grenzraum und behauptete, Frankreich steuere diese Gruppen, während die Ukraine Unterstützung leiste. Beweise legte er für diese Behauptungen öffentlich allerdings nicht vor.
Damit trifft Braun den Kern der nigrischen Anschuldigung, formuliert ihn aber schärfer: Niger sprach von bewaffneten Gruppen beziehungsweise Stellvertretern mit französischer und ukrainischer Unterstützung. Daraus folgt noch nicht der Nachweis einer großen regulären französisch-ukrainischen Truppenkonzentration direkt an Nigers Grenze.
Niger erhebt solche Vorwürfe nicht zum ersten Mal. Bereits Anfang 2026 behauptete die Militärführung, französische und ukrainische Kräfte operierten im Norden des Nachbarlandes Benin. Die ukrainische Regierung wies das damals zurück und erklärte ausdrücklich, keine eigenen Truppen nach Benin entsandt zu haben.
Ukrainische Spezialkräfte operieren tatsächlich in Afrika
Ganz aus der Luft gegriffen ist Brauns grundsätzliche These einer ukrainischen Kriegführung außerhalb Europas allerdings nicht.
CNN veröffentlichte im September 2026 eine ausführliche Recherche über ukrainische Operationen in Afrika. Dem Bericht zufolge befanden sich rund 15 ukrainische Spezialisten im Norden Malis, wo sie lokale Rebellen im Kampf gegen russische Kräfte unterstützten. CNN berichtete außerdem über ukrainisches Personal in Libyen und Sudan sowie über Drohnentraining für Kämpfer beziehungsweise Kräfte aus der Sahelregion.
Nach Angaben einer Quelle aus dem ukrainischen Militärgeheimdienst seien ukrainische Spezialisten zudem an Operationen beteiligt gewesen, mit denen russische Kräfte in Afrika geschwächt werden sollten.
Damit hat sich der Krieg zwischen Russland und der Ukraine tatsächlich teilweise auf andere Kontinente verlagert. Die Ukraine nutzt ihre inzwischen umfangreiche Erfahrung mit Drohnenkrieg, Aufklärung und Spezialoperationen, um Partner außerhalb Europas zu unterstützen und gleichzeitig russische Interessen zu treffen.
Das gilt inzwischen nicht nur für Afrika.
Auch im Nahen Osten waren ukrainische Spezialisten bereits im Einsatz, um Staaten bei der Abwehr iranischer Shahed-Drohnen zu unterstützen. CNN beschreibt dies ausdrücklich als Teil einer Strategie Kiews, russische und iranische Interessen auch außerhalb des eigentlichen ukrainischen Kriegsschauplatzes unter Druck zu setzen.
Aus einem europäischen Krieg wird zunehmend ein globaler Stellvertreterkonflikt
Genau an diesem Punkt erhält Brauns Rede ihre eigentliche politische Bedeutung.
Seine provokante Frage an Kallas lautete sinngemäß: Soll die europäische Bevölkerung mit ihrem Geld künftig auch Kriege finanzieren, die ukrainische Kräfte auf anderen Kontinenten führen?
Braun stellt damit eine Frage, die über seine polemische Sprache hinausgeht.
Wenn ukrainische Kräfte tatsächlich in Mali, Libyen, Sudan oder anderen Staaten aktiv werden, während die Ukraine gleichzeitig in erheblichem Umfang von europäischer Finanz- und Militärhilfe abhängig ist, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie weit der politische Auftrag dieser Unterstützung reicht.
Die EU betrachtet die Ukraine weiterhin als zentrale Verteidigungslinie gegenüber Russland und treibt gleichzeitig die Beitrittsperspektive des Landes voran. Kallas erklärte noch am 12. Oktober, die Ukraine sei „Europas erste Verteidigungslinie gegen die russische Aggression“. Die EU-Mitgliedstaaten diskutierten außerdem weitere Finanzhilfen und eine Vertiefung der Sicherheitszusammenarbeit.
Braun dreht diese Argumentation um: Wenn Kiew seine militärischen Fähigkeiten zunehmend auch in Afrika und im Nahen Osten einsetzt, finanziert Europa dann weiterhin ausschließlich die Verteidigung der Ukraine – oder indirekt bereits eine wesentlich weiter reichende geopolitische Strategie? Und wenn ja, im Auftrag von wem?
Vor wenigen Jahren wäre die Vorstellung ungewöhnlich gewesen, dass ukrainische Drohnenexperten und Spezialkräfte in Mali, Libyen oder im Nahen Osten operieren.
Heute ist zumindest ein Teil davon dokumentiert.
Niger geht noch weiter und wirft Kiew vor, gemeinsam mit Frankreich bewaffnete Stellvertreter gegen den Sahelstaat zu unterstützen. Dafür fehlen bislang belastbare öffentliche Beweise. Aber die Anschuldigung fällt in eine Situation, in der ukrainische Militäroperationen außerhalb Europas längst keine reine Spekulation mehr sind.
Brauns Aussage, die Ukraine exportiere inzwischen ihre Kriegführung, ist deshalb polemisch formuliert – aber sie berührt eine reale Entwicklung: Der russisch-ukrainische Krieg bleibt nicht mehr auf die Ukraine beschränkt. Seine Akteure, Technologien und Stellvertreter tauchen zunehmend in Afrika und im Nahen Osten auf.
Und genau deshalb verdient die Frage Aufmerksamkeit, die Braun an Kallas richtete:
Wie weit reicht Europas finanzielle und militärische Unterstützung für die Ukraine – wenn Kiew seine Kriegserfahrung inzwischen auch auf anderen Kontinenten einsetzt?
Quellen:
- Europäisches Parlament – offizielle Debatte vom 20. Oktober 2026
- CNN – Ukraine is fighting Russia anywhere it can – even in the deserts of Africa
- Hromadske – Niger’s prime minister accuses Ukraine and France of backing armed groups
