6. November 2026

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Horrende Gaspreise: Europas Düngerriese schaltet Anlagen ab und importiert Ammoniak

 

Hohe Gaspreise machen Europas Düngemittelindustrie zunehmend unrentabel. Der Konzern AGF Nitrogen hat bereits Produktionsanlagen abgeschaltet und begonnen, Ammoniak aus dem Ausland zu beziehen. Gleichzeitig bricht die Nachfrage nach Düngemitteln ein. Weitere Stilllegungen könnten innerhalb weniger Wochen folgen.

Europas zweitgrößter Düngemittelproduzent AGF Nitrogen steckt in einer schwierigen Lage. Die eigene Ammoniakherstellung ist wegen der hohen Erdgaspreise extrem teuer geworden. Deshalb hat der Konzern bereits Produktionsanlagen abgeschaltet und begonnen, Ammoniak zu importieren. Doch gleichzeitig kaufen Europas Landwirte wegen der hohen Preise deutlich weniger Dünger. Auch die industrielle Nachfrage ist massiv eingebrochen. Das Unternehmen muss seine Produktion deshalb weiter drosseln, obwohl bereits deutlich weniger hergestellt wird.

Wie Konzernchef Petr Cingr gegenüber Reuters erklärte, laufen die verbliebenen Stickstoffanlagen derzeit nur noch mit einer Auslastung von 80 bis 85 Prozent – dem technischen Minimum. In Frankreich wurde eine Produktionslinie vollständig abgeschaltet, eine weitere wird nur noch zeitweise betrieben. Sollte die Nachfrage nicht bald wieder anziehen, könnten zusätzliche Anlagen innerhalb weniger Wochen stillgelegt werden. Denn die weiterhin produzierten Mengen lassen sich nicht mehr ausreichend verkaufen und könnten bald die verfügbaren Lagerkapazitäten übersteigen.

Heimische Produktion zu teuer – Importe als Ersatz

Die Ammoniakimporte sind dabei kein Widerspruch zur gedrosselten Produktion. Ammoniak ist ein wichtiger Ausgangsstoff für Stickstoffdünger und zahlreiche Industrieprodukte. Wenn die eigene Herstellung wegen der hohen Gaspreise nicht mehr wirtschaftlich ist, kann der Zukauf günstiger sein als die Produktion in europäischen Werken. AGF Nitrogen hat deshalb nach eigenen Angaben bereits küstennahe Produktionsanlagen abgeschaltet und mit dem Import des Rohstoffs begonnen.

Der Konzern kämpft somit mit zwei Problemen gleichzeitig: Einerseits verteuern die Energiekosten die eigene Herstellung, andererseits können sich viele Kunden die fertigen Produkte kaum noch leisten. Laut Cingr kaufen Landwirte derzeit nur einen Bruchteil der üblichen Düngermengen. Die industrielle Nachfrage nach Ammoniak ist sogar um etwa die Hälfte zurückgegangen.

Erdgas kostete in Europa zuletzt zeitweise mehr als 100 Euro je Megawattstunde, am Mittwoch waren es noch rund 90 Euro. Für die Herstellung von Ammoniak wird Gas sowohl als Energieträger als auch als Rohstoff benötigt. Zusätzliche Belastungen entstehen durch die europäischen CO2-Zertifikate. Damit verschlechtert sich die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Hersteller gegenüber Produzenten aus Ländern mit günstigeren Produktionsbedingungen weiter.

Europas Düngerindustrie verliert ihre Wettbewerbsfähigkeit

AGF Nitrogen gehört zum tschechischen Agrofert-Konzern und betreibt acht Ammoniak-Produktionslinien in Deutschland, Österreich, Frankreich und der Slowakei. Dazu zählen auch die SKW Stickstoffwerke Piesteritz in Sachsen-Anhalt sowie LAT Nitrogen in Linz. Mit einer jährlichen Produktionskapazität von 3,5 Millionen Tonnen Ammoniak und sieben Millionen Tonnen Düngemitteln steht der Konzern nach eigenen Angaben für rund ein Fünftel des europäischen Marktes.

Report24 hat bereits mehrfach über die Probleme der europäischen Düngemittelindustrie berichtet. Erst am Mittwoch ging es um die anhaltenden russischen Ammoniakimporte und die widersprüchliche Sanktionspolitik der EU. Während Brüssel russische Energieimporte zurückdrängt, beziehen europäische Unternehmen weiterhin Ammoniak aus Russland, das dort mit vergleichsweise günstigem Erdgas hergestellt wird. Zugleich verteuern die hohen Energiekosten und die europäische CO2-Bepreisung die heimische Produktion. Die EU-Kommission räumte selbst ein, dass seit 2023 bereits neun Prozent der europäischen Ammoniak-Produktionskapazitäten dauerhaft stillgelegt wurden.

Für die Landwirtschaft hat diese Entwicklung weitreichende Folgen. Hohe Düngemittelpreise sorgen für deutliche Mehrausgaben bei den Bauern, während ein geringerer Düngereinsatz niedrigere Ernteerträge zur Folge haben kann. Konzernchef Cingr fordert deshalb staatliche Unterstützung für Landwirte, niedrigere industrielle Gaspreise und Entlastungen beim europäischen Emissionshandel. AGF Nitrogen hat inzwischen auch weitere Investitionsprojekte auf Eis gelegt.

Europas Düngerindustrie steckt damit in einer gefährlichen Abwärtsspirale: Die heimische Herstellung wird immer teurer, die Kunden kaufen weniger und bestehende Produktionsanlagen werden abgeschaltet. Selbst große Hersteller greifen inzwischen auf importiertes Ammoniak zurück. Damit droht Europa bei einem wichtigen Grundstoff für die eigene Lebensmittelproduktion noch stärker von ausländischen Lieferanten abhängig zu werden.

 

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