Die USA und Russland reden Berichten zufolge im Zuge der Ukraine-Verhandlungen darüber, dass die USA der EU künftig russisches Öl und Gas überteuert verkaufen werden. Und die EU hat keine Wahl, als das zu akzeptieren.
Nach dem Dieseldeal von Trump und Putin ist am 15. Oktober bei einem russischen Thinktank ein spannender Artikel erschienen, dessen Inhalt so unglaublich klang, dass ich mit einer Übersetzung noch abgewartet habe. Nun scheint sich jedoch zu bestätigen, was darin bereits geschrieben wurde, daher veröffentliche ich nun die Übersetzung.
Beginn der Übersetzung:
Aus Moskau via Washington kaufen: Europa hat den Energiekrieg verloren
Der einfachste Test, um eine kollektive Pathologie zu erkennen, besteht darin, jedes einzelne Mitglied zu fragen, ob es sich aus eigenem Antrieb dafür entscheiden würde, das zu tun, was die Gruppe tut.
von Lorenzo Maria Pacini | Strategic Culture Foundation
Ein Rohr und ein Ozean
Eine Gaspipeline ist ein Rohr. Sie verbindet ein Gasfeld mit einem Verbraucher, überquert einige Grenzen und transportiert, sobald sie gebaut ist, Energie zu sehr niedrigen Kosten pro Einheit. Eine Lieferkette, die an russischen Gasfeldern beginnt, über einen US-amerikanischen Vertrag läuft, auf einem LNG-Tanker den Atlantik überquert und an einem europäischen Gas-Terminal ankommt, erfüllt denselben Zweck, jedoch mit mehr Zwischenschritten, höheren Aufschlägen und größeren Reibungsverlusten. Kein Ingenieur, kein Buchhalter, kein Student der Wirtschaftsgeographie würde sich für die zweite Option entscheiden, wenn er die erste wählen könnte. Und doch scheint Europa genau darauf zuzusteuern: Jüngsten Berichten zufolge könnte russische Energie mit einem US-amerikanischen Stempel und einem höheren Preisaufschlag auf die europäischen Märkte zurückkehren.
Ich behaupte, dass sich diese Situation weder durch Washingtons Gerissenheit, die zweifellos existiert, noch durch Brüssels Schwäche, die ebenfalls zweifellos existiert, erklären lässt. Sie rührt von einer kognitiven Verzerrung her, die Regierungen, Institutionen und ein Großteil der Öffentlichkeit gemeinsam haben und die eine geografische Binsenweisheit unsichtbar gemacht hat. Ich nenne sie die Pathologie des Absurden: den Zustand, in dem ein System weiterhin seinen eigenen internen Regeln folgt, selbst wenn diese zu einem Ergebnis führen, das keiner seiner einzelnen Bestandteile für sich genommen jemals gewollt hätte. Der Fachbegriff für diesen Mechanismus lautet „kollektive Voreingenommenheit“es ist also ein Beurteilungsfehler, der nicht auf der Dummheit einzelner Personen beruht, sondern auf der Art und Weise, wie eine Gruppe sich selbst überzeugt, belohnt und bestraft.
Wie man einen Krieg verliert, ohne ihn zu führen
Eine methodische Klarstellung, bevor wir fortfahren. Bislang wurden noch keine offiziellen Dokumente veröffentlicht, weder ein Vertrag noch eine Absichtserklärung, nichts ist öffentlich. Das, was dokumentiert wurde, ist spärlich und hat fast nur symbolische Bedeutung. Donald Trump kündigte an, dass Russland die USA und die weltweiten Märkte unverzüglich mit über 300.000 Tonnen Diesel beliefern werde, weitere 500.000 Tonnen im November und eine Million Tonnen kurz danach. Umgerechnet in Barrel sind das insgesamt etwa 5,9 Millionen – ein Fünftel des weltweiten Verbrauchs an einem einzigen Tag – und etwas mehr als eine Woche russischer Exporte nach dem Vorjahresniveau. Als Markttransaktion ist das unbedeutend, als politisches Signal jedoch genau das Gegenteil.
Denn politisch gesehen reichen die Auswirkungen viel tiefer. Moskau hat sein seit Juli geltendes Exportverbot für Diesel aufgehoben. Trump erklärte, es sei an der Zeit, dass die Ukraine einen neuen Präsidenten bekomme, und verkündete einen „Energie-Waffenstillstand“ mit sofortiger Wirkung. Nach Angaben eines US-Beamten würde der Friedensplan, der derzeit vom Weißen Haus und mehreren europäischen Hauptstädten ausgearbeitet wird, die Front entlang der derzeitigen Kontrolllinie einfrieren und Sicherheitsgarantien im Sinne von Artikel 5 des NATO-Vertrags vorsehen, einen der Weltbank und BlackRock anvertrauten Wiederaufbaumechanismus sowie eine Pipeline, die russisches Gas und Öl zurück nach Europa bringt, wobei die Gewinne zwischen Moskau und Kiew aufgeteilt würden. Washington, wurde unterdessen berichtet, soll vorgeschlagen haben, den Austausch von Geheimdienstinformationen und das von den USA eingerichteten Beschaffungs- und Finanzierungssystem, um die Ukraine schnell mit US-Militärgütern zu versorgen, auszusetzen, sollte Kiew weiterhin russische Raffinerien angreifen.
Selensky erklärte, die Ankündigung des Waffenstillstands sei für ihn neu und Kiew warte auf Einzelheiten. Lawrow lehnte die Idee einer Pause ab. Kreml-Sprecher Peskow sprach von laufenden Kontakten. Wenn wir es den „Theologen des Journalismus“ überlassen, darüber zu debattieren, was zuerst da war, das Huhn oder das Ei, können wir uns auf das konzentrieren, was hinter den Fakten steckt: nämlich dass russische Energie über einen von Washington ausgehandelten Rahmen nach Europa zurückkehren wird, was mittelfristig eine wahrscheinliche Perspektive ist – mit mäßiger Zuversicht hinsichtlich des Verlaufs und geringer Zuversicht hinsichtlich der Details. Und es muss gesagt werden: Wer dies als Chronik einer vollendeten Tatsache liest, interpretiert es falsch.
Mit dem „Kampf um die Energie“ meinen wir den Wettstreit darum, wer den Preis, die Route und die Regeln für die Energieflüsse eines Kontinents festlegt. Europa ist 2022 in diesem Wettstreit in der Überzeugung eingetreten, einen moralischen Kampf zu führen. Es kappte die Energielieferungen aus Russland, betrachtete diese Entscheidung zunächst als notwendiges Opfer und stellte sie später als strategischen Sieg dar.
Die Bilanz nach vier Jahren zeichnet ein anderes Bild: Europa hat seine günstigste und nächstgelegene Bezugsquelle für Energie verloren, seine Abhängigkeit anderswo wieder aufgebaut, und für die USA, die inzwischen zum wichtigsten Lieferanten von Flüssigerdgas für den europäischen Kontinent geworden sind, sind dadurch sowohl der Einfluss als auch die Gewinnmargen gewachsen. Wenn das Europäische Parlament beschließt, dass ab dem 1. Januar 2027 auch die letzten verbleibenden Anteile russischer Energie aus dem Energiemix der EU auslaufen sollen, schließt sich der Kreis, und der Ausstieg wird vollständig sein – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, wenn sich die andere Seite des Atlantiks darauf vorbereitet, Geschäfte mit Moskau zu machen.
In der Tradition der klassischen Geopolitik hat dieses Thema einen uralten Namen. Europa ist die westliche Halbinsel des riesigen eurasischen Kontinents, und seine natürliche Versorgungslogik ist kontinentaler Natur: Pipelines, langfristige Verträge und gegenseitige Abhängigkeit von den Ländern im Osten. Die atlantische Logik ist maritimer Natur und besteht aus Schiffen, Terminals und Marktpreise.
Der britische Geograph Halford Mackinder und der Geostrategen John Spykman hatten, wenn auch auf unterschiedlichen Wegen, erkannt, dass derjenige, der die beiden Systeme voneinander trennt, von beiden Seiten der Trennlinie profitiert. Man muss nicht den gesamten theoretischen Rahmen der eurasischen Schule übernehmen, um zu erkennen, dass die Geografie hier keine Kompromisse zulässt und dass die europäischen Institutionen vier Jahre lang so gehandelt haben, als wären welche möglich.
Das Modell der Vermittlung
Nach dem bisher skizzierten Modell würden die USA russische Energie-Aktiva – angefangen bei der Auslandsabteilung von Lukoil – gegen eine Vorauszahlung und einen Anteil an den Gewinnen erwerben und könnten das Öl und Gas, das Europa nicht mehr abnimmt, zu wettbewerbsfähigen Konditionen kaufen, um sie dann zum vollen Preis an die Europäer weiterzuverkaufen. Washingtons Interessen sind selbst in den zurückhaltendsten Quellen explizit und offensichtlich. Trump steht vor den Zwischenwahlen, einer durch die Aggression gegen den Iran ausgelösten Energiekrise, steigenden Dieselpreisen und niedrigen Zustimmungswerten. Andererseits hat der amerikanische Verbraucher keinen Grund, einen Unterschied zwischen russischem und jedem anderen Diesel zu machen.
Wichtig ist die Rolle, die Europa zugewiesen wird. An den Gesprächen in Florida haben Vertreter aus dem Vereinigten Königreich, Frankreich und Deutschland teilgenommen. Ihre Aufgabe ist es, die Sicherheit nach dem Krieg zu gewährleisten, den Wiederaufbau durch anderswo konzipierte Instrumente zu finanzieren und langfristig ihre eigenen Energiemärkte für ein Russland zu öffnen, das inzwischen eine direkte Beziehung zu Washington aufgebaut hat. Sie sind die Garanten und die Abnehmer; unter den Nutznießern der Gewinne tauchen sie nicht auf. Als das Dieselabkommen bekannt gegeben wurde, zeigten sich die Europäer verärgert, blieben aber dennoch am Verhandlungstisch, was ihre Position gut zusammenfasst.
Und all das birgt zudem eine seltsame, beißende Ironie: Nord Stream, dessen Bau Washington verhindern wollte und das schließlich sabotiert wurde, würde gemäß einem Entwurf für ein US-Abkommen wieder in Betrieb genommen, und die Gaslieferungen, die Europa infolge dieser Sabotage verloren hat, würden dann auch über US-Zwischenhändler laufen. Würde die Pipeline wieder in Betrieb genommen, müsste Europa dafür bezahlen, das zurückzubekommen, was es bereits hatte – und zwar zu einem Preis, der von denen festgelegt wird, die das Gas weder produzieren noch verbrauchen. Reiner Wahnsinn.
Warum es eine Pathologie ist und kein Fehler
Wir stehen vor einer kollektiven kognitiven Verzerrung, die sich so weit entwickelt hat, dass sie einen pathologischen Charakter angenommen hat. Und das ist kein einfacher „Beurteilungsfehler“, denn ein Fehler wird korrigiert, sobald er entdeckt wird, während eine Pathologie fortbesteht, weil sie gerade von den Strukturen aufrechterhalten wird, die sie eigentlich heilen sollten. Ich identifiziere vier solcher Strukturen, von denen jede für sich genommen rational ist.
Die erste Struktur ist die Moralisierung. Die Sanktionen begannen als Instrument und sind zu einer Identität geworden. Wer heute vorschlagen würde, wieder direkte Kanäle zu Moskau zu eröffnen, würde als Verräter angesehen werden, nicht als Buchhalter. Die buchhalterische Sicht, so fundiert sie auch sein mag, hat in dieser Debatte keinen Platz.
Die zweite Struktur sind die verschwendeten Ausgaben: Nach Jahren der den Bürgern und Unternehmen auferlegten Opfer kostet das Eingeständnis, dass der Plan fehlerhaft war, politisch gesehen mehr, als weiterhin die Konsequenzen zu tragen.
Die dritte Struktur ist das Delegieren der Rationalität. Wenn Washington den Kanal wieder öffnet, muss keine europäische Regierung zugeben, dass sie sich geirrt hat. Die Prämie, die Europa an den Vermittler zahlen würde, ist im Grunde der Preis dafür, den Fehler nicht eingestehen zu müssen. Das ist die Rechnung, die die Politiker ihren Wählern unter dem Stichwort „Sicherheit“ präsentieren.
Die vierte Struktur ist die institutionelle Asymmetrie zwischen den Entscheidungsträgern und denen, die die Kosten tragen. Eine parlamentarische Abstimmung über Sanktionen verschafft den Abstimmenden sofortige Sichtbarkeit, während sich die Kosten – anonym und ohne konkretes Ablaufdatum – auf Millionen von Stromrechnungen und Tausende von Industrieanlagen verteilen. In einem solchen System ist die bequemste Wahl für jeden Entscheidungsträger fast immer die lauteste. Man muss keine Vermutungen über eine versteckte Agenda oder einen geheimen Plan anstellen, um das Ergebnis zu erklären. Washingtons Interesse wird offen und vollkommen klar dargelegt. Europas Blindheit ist struktureller Natur. Dies sind zwei Phänomene unterschiedlicher Art, die sich letztendlich miteinander verflochten haben.
Die schärfste Kritik an dieser Interpretation kommt aus den an Russland angrenzenden Ländern. Für Warschau, Riga oder Vilnius ist die Abhängigkeit von Moskaus Energie nicht eine Frage des Preises, sondern des Risikos. Das Jahr 2022 hat gezeigt, dass eine Energieversorgung unterbrochen werden kann, und die Mehrkosten für die Diversifizierung der Bezugsquellen sind eine Versicherungsprämie wie jede andere – oder zumindest hat die EU versucht, die nordeuropäischen Länder davon zu überzeugen, indem sie das Märchen von einer besseren Welt erzählte, die bald anbrechen würde, erreicht durch einen militärischen Sieg an der Seite Kiews.
Ein faszinierendes Märchen, gewiss, aber eines, das nur bis zu einem gewissen Grad Bestand hat. Eine Versicherung ist sinnvoll, wenn die Prämie begrenzt ist und der Versicherer nicht vom Eintreten des Schadens profitiert. Hier ist der Versicherer zugleich der Hauptnutznießer der Kluft zwischen Europa und Russland, was sich allein schon daran zeigt, dass er im Begriff ist, diese Kluft zu kitten, sobald es seinen Interessen dient. Darüber hinaus ist die Abhängigkeit von den USA eine Form der Abhängigkeit wie jede andere auch. Die Drohungen, den Austausch von Geheimdienstinformationen und PURL, den Mechanismus der Beschaffungvon US-Waffen für Kiew, auszusetzen, zeigen – sofern sie sich bestätigen –, dass Washington seine verfügbaren Lieferungen von seinen aktuellen politischen Zielen abhängig macht.
Wer glaubt, dass der Einsatz von Energie als Druckmittel nur für Moskau gilt, hat ein selektives Gedächtnis. Würde Europa über US-amerikanische Vermittlung wieder auf den russischen Markt zurückkehren, würde dies seine Anfälligkeiten noch verstärken: Es wäre sowohl von russischer Energie als auch von der US-amerikanischen Infrastruktur abhängig, über die diese geliefert wird. Mit anderen Worten: Dieser Einwand rechtfertigt zwar eine Diversifizierung, aber nicht die Entscheidung, niemals eigenständig zu verhandeln.
Szenarien und Indikatoren
Wir können drei plausible Entwicklungen mit einem Zeithorizont von 6 bis 12 Monaten ausmachen, vorausgesetzt, wir schaffen es, diesen Winter zu überstehen.
Das erste Szenario ist die Konsolidierung der US-Vermittlung: Die Sanktionen werden schrittweise gelockert, russische Vermögenswerte werden von US-amerikanischen und Unternehmen der Golfstaaten erworben, und die Energielieferungen nach Europa werden im Rahmen von Verträgen wieder aufgenommen, die nicht von Europa ausgearbeitet wurden. Das ist das optimistischste Szenario, wenn auch mit nur mäßiger Zuversicht.
Das zweite Szenario ist das Scheitern der Vereinbarung: Moskau lehnt einen Waffenstillstand ab, Kiew greift weiterhin Raffinerien an, und Washington verlagert seinen Fokus auf andere Bereiche. Europa bliebe mit hohen Preisen und ohne Versorgungskanäle zurück. Das ist ein mögliches Ergebnis, dessen Eintreten in etwa gleich wahrscheinlich ist.
Das dritte Szenario ist eine direkte Annäherung Brüssels oder bestimmter Hauptstädte an Moskau, was kurzfristig aus den bereits dargelegten politischen und psychologischen Gründen höchst unwahrscheinlich ist.
Vier Indikatoren werden Aufschluss darüber geben, welches dieser Szenarien eintritt: der Wortlaut eines etwaigen Abkommens, in dem der Zeitplan für die Sanktionen festgelegt wird; der Name der Partei, die die Verträge für die internationalen Vermögenswerte von Lukoil hält; der Stand des Nord-Stream-Projekts – falls und sobald es in einen offiziellen Entwurf aufgenommen wird – sowie der Ausgang der US-Zwischenwahlen, die die gesamte Situation stärker beeinflussen werden, als Brüssel zugeben möchte.
Hinzu kommt ein Unsicherheitsfaktor hinsichtlich der US-amerikanischen Seite: Das Energieabkommen beseitigt nicht die strukturellen Schwächen der US-Wirtschaft, die von der Staatsverschuldung über steigende Zinsen bis hin zu mit Schulden finanzierten Unternehmen im Bereich der künstlichen Intelligenz reichen. Ein Partner mit einer solchen Finanzlage – und einem derart vollgepackten politischen Terminkalender – ist ein Vermittler, der kaum Garantien für eine langfristige Zusammenarbeit bietet.
Der einfachste Test, um eine kollektive Pathologie zu erkennen, besteht darin, jedes einzelne Mitglied einer Gruppe zu fragen, ob es sich aus eigenem Antrieb dafür entscheiden würde, das zu tun, was die Gruppe tut. Kein europäischer Regierungsvertreter, der für die Energiepolitik zuständig ist, würde – in einem Gespräch unter unter vier Augen – sagen, dass der Kauf russischer Energie via Washington die beste Lösung sei.
Der wahre Preis einer Pipeline sind die Kosten für die Pipeline selbst. Alles andere, was noch hinzukommt – und wofür Europa aufkommen muss –, spiegelt die Kosten einer Entscheidung wider, die nie offen getroffen wurde.
Aber bislang hat diese Frage noch niemand in einem Plenum gestellt.
Ende der Übersetzung
https://anti-spiegel.ru/2026/die-usa-wollen-der-eu-russisches-oel-und-gas-mit-aufpreis-verkaufen/
