29. Oktober 2026

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Der lange Schatten des US-Tech-Netzwerks: Brasilien untersucht mögliche Wahleinmischung durch Gruppe aus dem Umfeld von JD Vance und Peter Thiel

 

Brasiliens Oberster Gerichtshof lässt mögliche ausländische Einflussnahme auf die Präsidentschaftswahl untersuchen. Richter Flávio Dino ordnete am 27. Oktober Ermittlungen der Bundespolizei zu mutmaßlichen Verbindungen zwischen dem Rockbridge Network, einem von US-Vizepräsident JD Vance mitgegründeten konservativen Spendernetzwerk, und der Präsidentschaftskampagne von Flávio Bolsonaro an. Untersucht werden soll, ob aus dem Ausland Geld, Dienstleistungen, Personal oder andere wirtschaftlich relevante Leistungen zugunsten der Kampagne bereitgestellt wurden. Rockbridge weist die Vorwürfe zurück.

Der Fall ist politisch brisant, weil das brasilianische Wahlrecht ausländische Finanzierung und Unterstützung von Kandidaten untersagt. Die Beschwerden waren bereits vor der Wahl von Lulas Arbeiterpartei PT sowie vom Präsidentschaftskandidaten Renan Santos eingereicht worden. Santos hatte behauptet, Personen aus dem Umfeld von Rockbridge hätten ihm Unterstützung angeboten und gleichzeitig über Hilfe für Flávio Bolsonaro gesprochen. Öffentlich vorgelegte Beweise dafür, dass das Netzwerk selbst die Bolsonaro-Kampagne finanzierte, gibt es bislang jedoch nicht.

Recherchen der Folha de S.Paulo ergaben allerdings, dass Unternehmer mit Verbindungen zum Rockbridge-Umfeld Kontakte zur Bolsonaro-Kampagne hatten. Sechs Personen aus dem Kampagnenumfeld berichteten der Zeitung von Social-Media-Analysen, Berichten, Treffen und Beratung zu künstlicher Intelligenz, Energie und Rechenzentren. Die betreffenden Personen bestreiten jedoch, im Auftrag von Rockbridge Wahlkampfhilfe geleistet oder ausländische Gelder vermittelt zu haben.

Ein Netzwerk, das JD Vance mit aufbaute

Rockbridge wurde 2019 von JD Vance und dem konservativen Unternehmer und Publizisten Chris Buskirk gegründet. Reuters beschrieb das Netzwerk 2024 als den Versuch, über ein zentral koordiniertes Geflecht konservativer Medien, Meinungsforschung, Wahlmobilisierung und politischer Organisationen die amerikanische Politik nach rechts zu verschieben.

Interne Dokumente, die Reuters einsehen konnte, zeigten für 2024 ein Budget von rund 70 bis 80 Millionen Dollar und etwa 150 bis 200 Mitglieder. Zu den Unterstützern zählte Reuters unter Berufung auf mit dem Netzwerk vertraute Quellen unter anderem Peter Thiel, Omeed Malik und Rebekah Mercer. Rockbridge selbst veröffentlicht seine Geldgeber nicht.

Thiel ist Mitgründer von Palantir Technologies und spielte zugleich eine wichtige Rolle beim politischen Aufstieg von JD Vance. Er investierte Millionen in dessen Senatswahlkampf 2022. Eine direkte Beteiligung Palantirs an den Vorgängen in Brasilien ist jedoch bislang nicht belegt.

Von den USA nach Brasilien

Die Aktivitäten des Netzwerks beschränkten sich offenbar nicht auf die Vereinigten Staaten. Folha de S.Paulo berichtete bereits im September, Rockbridge habe begonnen, Strukturen in Brasilien aufzubauen. Vertreter des Netzwerks hätten Gespräche mit Unternehmern und Politikern geführt. Vorgesehen gewesen seien Aktivitäten in den Bereichen Medien, Nachwuchsförderung und politische Arbeit.

Rockbridge erklärte dagegen, zwar sei eine „Rockbridge Network Brazil“ registriert worden, das Projekt sei jedoch nicht zustande gekommen. Zudem hätten Personen in Brasilien den Namen der Organisation ohne Genehmigung benutzt und nicht autorisierte Dokumente erstellt.

Genau dieser Widerspruch soll nun von der brasilianischen Bundespolizei aufgeklärt werden.

Richter Dino will unter anderem feststellen lassen, ob tatsächlich ausländische Ressourcen, Dienstleistungen oder Personen in den brasilianischen Wahlkampf eingeflossen sind und ob die Bolsonaro-Kampagne davon wusste. Auch mögliche Ungleichbehandlungen durch die Algorithmen von Meta und X sind Teil der Untersuchungen. Meta weist die Vorwürfe einer politischen Beeinflussung zurück.

Flávio Bolsonaro verlässt Brasilien nach Wahlniederlage

Die Ermittlungen fallen in eine ohnehin angespannte Phase. Flávio Bolsonaro verlor die Präsidentschaftswahl gegen Luiz Inácio Lula da Silva und verließ Brasilien anschließend trotz einer gerichtlichen Aufforderung, seine Pässe abzugeben.

Nach Angaben der Washington Post reiste Bolsonaro mit seiner Familie über Argentinien und Ecuador in Richtung USA. Die US-Regierung bestätigte, dass ihm und Familienmitgliedern Visa erteilt worden waren. Bolsonaro steht zusätzlich wegen mutmaßlicher finanzieller Unregelmäßigkeiten und Geldwäsche unter Untersuchung. Er bestreitet Fehlverhalten.

Sein Vater Jair Bolsonaro verbüßt unterdessen eine langjährige Haftstrafe wegen seiner Verurteilung im Zusammenhang mit einem versuchten Staatsstreich. Flávio Bolsonaro hatte im Wahlkampf angekündigt, seinen Vater und dessen Unterstützer im Falle eines Sieges zu begnadigen.

Rockbridge expandiert auch nach Asien

Brasilien wäre nicht das erste Land, in dem das amerikanische Netzwerk internationale Strukturen aufbaut.

Im September 2025 wurde Rockbridge Network Korea gegründet. Vorsitzender wurde der ehemalige südkoreanische Abgeordnete Kim Hae-young. Zum Vorstand gehörten auch der frühere Premierminister Kim Boo-kyum, der ehemalige Finanzminister Bahk Jae-wan sowie Shinsegae-Chef Chung Yong-jin. Die Organisation erklärte, sich mit Außenpolitik, Handel und Industrie beschäftigen zu wollen.

Im Januar 2026 besuchte Rockbridge-Mitgründer Chris Buskirk Südkorea und traf den Vorstand der dortigen Organisation. Dabei wurde ausdrücklich über eine Vertiefung der politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen den USA und Südkorea gesprochen.

Die entscheidende Frage: politische Vernetzung oder illegale Einflussnahme?

Dass Rockbridge ein politisches Netzwerk mit erheblichen finanziellen Mitteln und engen Verbindungen zu amerikanischen Technologieinvestoren ist, ist dokumentiert. Ebenso dokumentiert sind Kontakte von Personen aus diesem Umfeld zu brasilianischen Politikern.

Noch nicht bewiesen ist dagegen, dass Rockbridge selbst illegal Geld oder Wahlkampfhilfe an Flávio Bolsonaro geliefert hat.

Genau das soll die nun angeordnete Untersuchung klären.

Der Fall zeigt jedoch, wie weit sich amerikanische politische Netzwerke inzwischen international ausbreiten können. Ein von JD Vance mitgegründetes und von einflussreichen Technologieinvestoren unterstütztes Netzwerk, das ursprünglich geschaffen wurde, um die amerikanische Innenpolitik zu verändern, steht nun im Mittelpunkt einer Untersuchung wegen möglicher Einflussnahme auf die Präsidentschaftswahl der größten Demokratie Lateinamerikas.

Quellen: