26. Oktober 2026

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Sozialist Lula siegt – Brasiliens Börsenwerte stürzen ab, Bolsonaro will Wahl annullieren

 

Brasiliens linker Präsident Lula da Silva hat die Stichwahl gegen Flávio Bolsonaro offiziell gewonnen. Die Finanzmärkte reagieren mit einem heftigen Ausverkauf: Ein großer Brasilien-ETF verlor im US-Nachbörsenhandel zeitweise mehr als 18 Prozent. Anleger fürchten eine Fortsetzung von Lulas Schulden- und Ausgabenpolitik. Gleichzeitig sorgt eine umstrittene Verlängerung der Stimmabgabe durch einen früheren Anwalt Lulas für einen Wahlrechtsstreit.

Noch beim ersten Wahlgang am 4. Oktober hatte Flávio Bolsonaro mit 47,03 zu 45,16 Prozent vorne gelegen. Drei Wochen später konnte Lula das Rennen drehen. Der 80-jährige Amtsinhaber erhielt laut dem offiziellen Wahlergebnis rund 51,8 Prozent der gültigen Stimmen, sein konservativer Herausforderer etwa 48,2 Prozent. Damit bleibt die sozialistische Arbeiterpartei PT weitere vier Jahre an der Staatsspitze. Für Lula ist es bereits die vierte Präsidentschaft nach seinen Wahlsiegen von 2002, 2006 und 2022.

Börsen und Währung unter Druck

An den Finanzmärkten löste das Ergebnis einen regelrechten Verkaufsrausch aus. Der iShares MSCI Brazil ETF (EWZ), der einen breiten Korb brasilianischer Aktien abbildet, verlor am Sonntagabend im US-Nachbörsenhandel zeitweise 18,36 Prozent. Terminkontrakte auf den brasilianischen Real brachen um gut zehn Prozent ein. Auch große brasilianische Unternehmen gerieten unter Druck: Petrobras büßte rund 13 Prozent ein, die Banken Itaú und Bradesco verloren jeweils mehr als zwölf Prozent. Diese Bewegungen stammen aus dem außerbörslichen beziehungsweise nachbörslichen Handel. Wie stark der reguläre Handel in São Paulo darauf reagieren wird, zeigt sich erst am heutigen Montag.

Die Nervosität der Anleger hat triftige wirtschaftliche Gründe. Unter Lula ist Brasiliens Schuldenberg weiter deutlich gewachsen. Nach Angaben der brasilianischen Zentralbank erreichte die Bruttoverschuldung des Gesamtstaats im August 2026 bereits 82,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das über zwölf Monate aufgelaufene Staatsdefizit einschließlich Zinszahlungen lag bei 9,48 Prozent der Wirtschaftsleistung. Allein für die Zinsen musste der öffentliche Sektor binnen eines Jahres umgerechnet 8,86 Prozent des BIP aufbringen. Das sind gewaltige Belastungen für einen Staat, dessen Regierung gleichzeitig umfangreiche Sozialprogramme finanziert und zusätzliche Ausgabenwünsche bedienen muss.

Entsprechend deutlich hatten Investoren vor der Stichwahl auf einen wirtschaftspolitischen Kurswechsel unter Bolsonaro gesetzt. Der konservative Senator versprach mehr Haushaltsdisziplin, Steuersenkungen und eine wirtschaftsfreundlichere Politik. Seine Stärke im ersten Wahlgang hatte den brasilianischen Aktienmarkt kräftig angeschoben. Nun müssen jene Anleger, die auf einen Sieg Bolsonaros spekulierten, ihre Erwartungen korrigieren. Die Aussicht auf weitere vier Jahre Lula, anhaltende Haushaltsdefizite und hohe Finanzierungskosten lässt viele Investoren offenbar die Reißleine ziehen.

Sozialistische Vetternwirtschaft

Politischen Sprengstoff lieferte unterdessen die Justiz. Unmittelbar vor dem regulären Wahlschluss um 17 Uhr ordnete Richter Cristiano Zanin vom Obersten Gerichtshof eine landesweite Verlängerung der Stimmabgabe um zwei Stunden an. Lulas Wahlkampflager hatte wegen Problemen mit öffentlichen Verkehrsmitteln interveniert. Auch Bolsonaros Kampagne beantragte angesichts heftiger Regenfälle in mehreren Regionen längere Öffnungszeiten. Als die richterliche Anordnung eintraf, hatten zahlreiche Wahllokale ihre Türen jedoch bereits geschlossen und die elektronischen Wahlmaschinen abgeschaltet. Zanin musste seine Entscheidung nachträglich präzisieren: Nur noch geöffnete Wahllokale durften bis 19 Uhr weiterarbeiten.

Dass ausgerechnet Zanin diese Entscheidung traf, sorgt zusätzlich für politische Diskussionen. Der Jurist vertrat Lula früher in dessen Korruptionsverfahren und wurde 2023 – in sozialistischer Vetternwirtschaftsmanier – vom Präsidenten persönlich für das Oberste Gericht vorgeschlagen. Sein Eingriff in den Wahlablauf kam derart spät, dass sogar Kassio Nunes Marques, Präsident des Obersten Wahlgerichts, anschließend von Schwierigkeiten für den Wahlprozess sprach. Eine solche Verlängerung habe es zuvor noch nie gegeben. Die ungewöhnliche Entscheidung und die persönliche Vorgeschichte des Richters liefern reichlich Stoff für politische Kritik.

Wie geht es weiter?

Flávio Bolsonaro will das Ergebnis jedenfalls nicht akzeptieren. Der 45-Jährige kündigte an, die Annullierung der Stichwahl anzustreben. Seine Kampagne beanstandet den kurzfristigen Eingriff in den Abstimmungsablauf. Ob sich daraus ein rechtlich tragfähiger Anfechtungsgrund ergibt, müssen die Gerichte entscheiden. Lulas Vorsprung beträgt rund 4,4 Millionen Stimmen. Die Frage ist, ob die Unregelmäßigkeiten Auswirkungen auf das Wahlergebnis hatten.

Auch geopolitisch hat das Wahlergebnis erhebliche Bedeutung. Lula setzt weiterhin auf eine enge Zusammenarbeit mit China, den BRICS-Staaten und den Regierungen des Globalen Südens. Bolsonaro wollte dagegen die Beziehungen zu Donald Trumps Washington stärken und Brasiliens Rolle innerhalb der BRICS-Gruppe überprüfen. Damit bleibt der wirtschaftlich bedeutendste Staat Lateinamerikas bei seiner bisherigen außenpolitischen Ausrichtung, während andere Länder der Region zuletzt stärker nach rechts rückten. Für Washington bedeutet das einen weiteren schwierigen Partner in Handels- und Sicherheitsfragen.

Lulas Anhänger feiern den Wahlsieg und setzen auf die Fortführung seiner Sozialprogramme. Doch die hohen Staatsschulden, die enormen Zinslasten und das Misstrauen vieler Investoren verschwinden dadurch nicht. Hinzu kommt eine erstarkte konservative Opposition im Kongress, die dem Präsidenten seine wirtschaftspolitischen Vorhaben erschweren kann.

 

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