29. Oktober 2026

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Sam Altman warnt: KI hebelt Identitätsprüfung aus – und die EU will die digitale ID noch 2026 ausrollen

 

Ausgerechnet während Europa seine digitale Identität zum zentralen Schlüssel für Behörden, Banken und Online-Dienste ausbauen will, kommt eine bemerkenswerte Warnung von OpenAI-Chef Sam Altman: Künstliche Intelligenz habe bereits einen großen Teil jener Verfahren ausgehebelt, mit denen Menschen heute beweisen sollen, dass sie tatsächlich die Person sind, für die sie sich ausgeben.

Altman äußerte sich bereits am 22. Juli 2025 bei einer Konferenz der US-Notenbank Federal Reserve. Besonders erschreckend sei für ihn, dass manche Finanzinstitute noch immer einen Stimmabdruck zur Authentifizierung akzeptierten. KI könne Stimmen inzwischen so überzeugend imitieren, dass dieses Verfahren praktisch wertlos geworden sei. Doch Altman ging weiter: Auch Verfahren wie ein Selfie, eine Kopfbewegung oder andere biometrische Prüfungen könnten durch KI zunehmend überwunden werden. Schon bald könnten selbst Videoanrufe kaum noch von echten Aufnahmen zu unterscheiden sein. Die Federal Reserve bestätigte später ausdrücklich, dass KI inzwischen Stimmen, Bilder und sogar Videos zur Identitätstäuschung einsetzen könne.

Das Problem trifft Europa zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Die EU-Mitgliedstaaten sollen bis Ende 2026 mindestens eine European Digital Identity Wallet anbieten. Mit dieser digitalen Brieftasche sollen Bürger künftig ihre Identität nachweisen, Dokumente hinterlegen, digitale Signaturen erstellen und sich bei öffentlichen und privaten Diensten authentifizieren können. Bis Ende 2027 sollen die Wallets auch für starke Kundenauthentifizierung bei privaten Diensten und Zahlungen eingesetzt werden können.

Die EU-Digital-ID basiert zwar nicht ausschließlich auf Gesicht, Stimme oder Selfies. Die Wallet soll zusätzlich mit kryptografischen Schlüsseln, zertifizierten Geräten, Passkeys und Mehrfaktor-Authentifizierung abgesichert werden. Genau deshalb bedeutet Altmans Warnung nicht automatisch, dass KI die gesamte Digital-ID „knacken“ kann. Sie trifft jedoch einen empfindlichen Bereich: die Frage, wie zuverlässig festgestellt werden kann, ob tatsächlich der berechtigte Mensch vor dem Gerät sitzt.

Dass dieses Problem keineswegs theoretisch ist, zeigt auch die amerikanische Standardisierungsbehörde NIST. Sie erlaubt Sprachbiometrie inzwischen ausdrücklich nicht mehr als biometrische Authentifizierung. Gesichtserkennung muss dagegen Schutzmechanismen gegen Präsentationsangriffe enthalten. NIST weist zudem darauf hin, dass biometrische Merkmale grundsätzlich keine Geheimnisse sind: Gesichter lassen sich fotografieren, Stimmen aufnehmen und andere körperliche Merkmale digital erfassen.

Damit entsteht für die EU eine zusätzliche Herausforderung. Die Kommission selbst bezeichnet Sicherheit und Zuverlässigkeit als einen der zentralen Punkte, die vor der breiten Einführung der Wallet gelöst werden müssen. Die technische Architektur ist zudem kein abgeschlossenes System, sondern wird laufend weiterentwickelt. Parallel arbeitet die EU-Cybersicherheitsagentur ENISA noch an Zertifizierungssystemen für die Wallets.

Und der Zeitplan ist bereits jetzt angespannt. Noch im September 2026 berichtete Euronews unter Berufung auf digitale Bürgerrechtsorganisationen, dass ein erheblicher Teil der notwendigen technischen Standards noch nicht fertiggestellt sei. Während die gesetzliche Zielmarke Ende 2026 bestehen bleibt, befinden sich zahlreiche nationale Systeme weiterhin in Entwicklung oder Testphasen. Die offizielle EU-Seite hält dennoch weiterhin am Ziel fest, die Wallets bis Ende 2026 verfügbar zu machen.

Altmans Warnung könnte deshalb weit über die Bankenwelt hinausreichen. Wenn Stimme, Gesicht, Selfie und bald selbst Live-Video nicht mehr zuverlässig beweisen können, wer tatsächlich vor einem Gerät sitzt, müssen digitale Identitätssysteme stärker auf kryptografische Nachweise, sichere Hardware und zusätzliche Authentifizierungsfaktoren setzen.

Das kann weitere technische Anpassungen, zusätzliche Tests und strengere Zertifizierungen notwendig machen.

Ob dadurch der EU-Zeitplan tatsächlich weiter verzögert wird, ist derzeit nicht bestätigt. Fest steht jedoch: Während Brüssel seine digitale ID noch 2026 ausrollen will, verändert KI gerade grundlegend die Voraussetzungen, unter denen digitale Identität überhaupt sicher überprüft werden kann.

Und genau darin liegt der Widerspruch: Europa baut immer mehr Dienste auf digitale Identifikation auf – während einer der führenden KI-Entwickler davor warnt, dass viele der bisherigen Methoden zur Feststellung unserer Identität bereits ihre Verlässlichkeit verlieren.