Jahrzehntelang gehörte es zum gewohnten Bild, dass westliche Botschaften ihre Bürger vor Reisen nach Asien, Afrika oder in den Nahen Osten warnten. Nun dreht sich die Richtung um. Thailand rät angesichts der anhaltenden Unruhen dazu, nicht notwendige Reisen nach Frankreich, Italien und Spanien zu verschieben. Malaysia warnt vor Frankreich, China fordert seine Bürger dort zu erhöhten Sicherheitsvorkehrungen auf. Gleichzeitig schließen in Paris am Samstag der Louvre, das Musée d’Orsay und das Picasso-Museum aus Angst vor neuen Ausschreitungen.
Thailands Außenminister Sihasak Phuangketkeow formulierte die Warnung während seiner Europareise ungewöhnlich deutlich. Wer nicht unbedingt reisen müsse, solle Fahrten in die von den Protesten betroffenen Länder vorerst verschieben. Besonders nannte er Frankreich, Italien und Spanien. Dabei handelt es sich nicht um ein generelles Reiseverbot, sondern um eine offizielle Empfehlung, nicht notwendige Reisen zu überdenken und Protestgebiete zu meiden.
Wie ernst die Lage inzwischen eingeschätzt wird, bekam der thailändische Außenminister während seiner eigenen Reise unmittelbar zu spüren. Sein geplantes Treffen mit Italiens Außenminister Antonio Tajani musste verschoben werden, weil dieser wegen der Unruhen zu einer dringenden Kabinettssitzung gerufen wurde. In Mailand hatten Proteste gegen hohe Lebenshaltungskosten, Arbeitsbedingungen und Bildungspolitik die Regierung zu zusätzlichen Maßnahmen veranlasst.
Auch Malaysia reagierte. Die malaysische Botschaft in Paris rät ihren Bürgern, nicht notwendige Reisen nach Frankreich aufzuschieben, bis sich die Lage beruhigt hat. Wer bereits im Land ist, soll Menschenansammlungen meiden und besonders wachsam sein.
China gab ebenfalls eine Sicherheitswarnung für seine Staatsbürger in Frankreich heraus. Hintergrund waren die schweren Ausschreitungen des vergangenen Wochenendes, bei denen Geschäfte und öffentliche Gebäude geplündert oder in Brand gesetzt wurden. Auch Deutschland, Großbritannien und weitere Staaten haben ihre Reisehinweise für Frankreich verschärft.
Paris macht am Samstag teilweise dicht
Die nächste große Protestwelle wird für Samstag, den 24. Oktober, erwartet. Frankreich erhöht deshalb seine Sicherheitsmaßnahmen noch einmal deutlich.
Der Louvre, das Musée d’Orsay und das Picasso-Museum bleiben geschlossen. Auch weitere Kulturinstitutionen reagieren vorsorglich. Das französische Kulturministerium begründet die Maßnahmen mit dem Schutz der Besucher, Mitarbeiter und Kunstwerke. Gleichzeitig sollen mehr Sicherheitskräfte als bei den Demonstrationen vom 17. Oktober eingesetzt werden; Urlaub wurde teilweise gestrichen, Spezialkräfte und Soldaten der Operation Sentinelle sollen bereitstehen.
Der Schritt zeigt, wie weit die Unruhen inzwischen in den Alltag der französischen Hauptstadt hineinreichen. Paris schließt nicht irgendwelche kleinen Einrichtungen, sondern einige der bekanntesten Museen der Welt.
Mehr als eine halbe Million Menschen auf den Straßen
Am vergangenen Samstag gingen nach Angaben des französischen Innenministeriums rund 550.000 Menschen bei etwa 110 Demonstrationen im ganzen Land auf die Straße. Die Organisatoren sprachen von bis zu 800.000 Teilnehmern.
Die große Mehrheit der Demonstranten blieb friedlich. Gleichzeitig kam es in mehreren Städten zu schweren Ausschreitungen, Plünderungen, Bränden und Angriffen auf öffentliche Gebäude. Rund 1.800 Menschen wurden zunächst festgenommen, Hunderte Polizisten verletzt.
Auslöser der Proteste sind vor allem steigende Lebenshaltungskosten und Kraftstoffpreise sowie Unzufriedenheit mit öffentlichen Dienstleistungen und dem Bildungssystem. Studenten, Gewerkschaften, ehemalige Gelbwesten und weitere Gruppen haben sich teilweise zu einer breiteren Protestbewegung zusammengeschlossen.
Aus dem klassischen „Risikogebiet“ Europa wird plötzlich selbst gewarnt
Bemerkenswert ist deshalb nicht nur die Gewalt auf Frankreichs Straßen. Bemerkenswert ist die Verschiebung der Wahrnehmung.
Über Jahrzehnte gehörten Reisewarnungen westlicher Staaten für asiatische Länder zum Normalfall. Nun raten Thailand und Malaysia ihren Bürgern zu Vorsicht oder zum Aufschub von Reisen nach Europa, während China vor der Sicherheitslage in Frankreich warnt.
Europa ist damit nicht plötzlich insgesamt unsicher geworden. Doch die Bilder und offiziellen Reisehinweise zeigen, dass sich etwas verändert hat.
Die Richtung der Warnungen hat sich umgekehrt: Staaten, deren Bürger jahrzehntelang mit europäischen Reisewarnungen konfrontiert waren, warnen nun ihre eigenen Bürger vor Unruhen in Paris, Mailand und anderen europäischen Städten.
Und während Paris am Samstag erneut Zehntausende Demonstranten erwartet, bleiben Louvre, Musée d’Orsay und Picasso-Museum vorsichtshalber geschlossen.
Die Pfeile zeigen inzwischen tatsächlich in die andere Richtung.
