Verfasst von Sjoukje Dijkstra
«Es ist sicher und wirksam, heisst es. Wo haben wir das schon einmal gehört?»
Obwohl 2025 Hunderte Fälle von kranken und sogar verendeten Kühen gemeldet wurden und 2026 neue Meldungen eingingen, hält Dänemark an Bovaer fest. Die Regierung lockerte die Vorschriften für Bauern, deren Vieh krank wird, schaffte die Pflicht zur Verwendung des umstrittenen Methanhemmers aber nicht ab. «Sie sagen weiterhin: ‹Es ist sicher und wirksam›», sagt der investigative Journalist Jens Mogensen. «Wo haben wir das schon einmal gehört?», fragt er mit Verweis auf die auf ähnliche Weise angepriesenen Corona-Impfstoffe.
Bei einem kürzlich durchgeführten Versuch auf einem dänischen Milchviehbetrieb zeigte sich erneut, wie «sicher und wirksam» Bovaer in der Praxis tatsächlich ist. Nach Angaben des Bauern waren auch der Hersteller DSM-Firmenich mit Hauptsitz in Maastricht sowie das Wissensinstitut SEGES Innovation an der Untersuchung beteiligt. Alle Kühe wurden krank. Am sechsten Tag konnte ein Tier nicht mehr aufstehen, und der Versuch wurde vorzeitig abgebrochen.
Auch 2025 liessen sich die praktischen Erfahrungen von Milchbauern nur schwer mit den Worten «sicher und wirksam» vereinbaren. Im November vergangenen Jahres berichtete De Andere Krant über Bauern, deren Kühe nach der Verwendung von Bovaer krank wurden. Der niederländische Bauer Huibert van Dorp, der in Dänemark sechshundert Milchkühe hält, meldete damals Durchfall, Fieber, Euterentzündungen und den Tod einer Kuh. Nachdem er Bovaer abgesetzt hatte, verbesserte sich die Gesundheit seiner Tiere innerhalb von zwei Tagen. Der Hersteller DSM-Firmenich erklärte gegenüber dieser Zeitung, ein ursächlicher Zusammenhang sei nicht nachgewiesen worden, und verwies auf Studien, in denen das Mittel als sicher beurteilt worden sei.
Der dänische investigative Journalist Jens Mogensen verfolgt das Thema seit Dezember 2024. Anlass war ein Video der Molkereigenossenschaft Arla, die seit 2022 Bovaer verwendet. Darunter äusserten Tausende kritische Konsumentinnen und Konsumenten ihre Bedenken zur Verwendung des Methanhemmers. Zum Erstaunen des Journalisten interessierten sich die etablierten Medien vor allem für jene Reaktionen, die sie als sogenannte «Verschwörungstheorien» einordnen konnten. «Eine Handvoll Menschen wies auf die Beteiligung von Bill Gates hin. Und ja, diese Beteiligung gibt es, aber darum geht es überhaupt nicht. Die grosse Mehrheit der Kritiker sind ganz normale Konsumentinnen und Konsumenten, die sich damals fragten, was dieses Mittel in ihrer Milch und ihrem Fleisch zu suchen hatte. Trotzdem wurden sie in den Medien als Verschwörungstheoretiker hingestellt.»
Danach vertiefte sich Mogensen in die wissenschaftlichen Grundlagen und interviewte im Februar 2025 einen erfahrenen Rindertierarzt. Dieser warnte vor schwerwiegenden Gesundheitsproblemen, wenn der natürliche Verdauungsprozess von Kühen künstlich beeinflusst wird. «Er sagte mir genau, was seiner Ansicht nach passieren würde: dass Tiere krank würden und sogar Kühe sterben könnten. Das war Monate, bevor die grossen Probleme tatsächlich auftraten.»
Widersprüchliche Informationen
Mogensen entdeckte auch Widersprüche in den offiziellen Informationen zu Bovaer. Die dänischen Lebensmittelbehörden versicherten den Konsumentinnen und Konsumenten, dass nichts von dem Mittel in Milch oder Fleisch gelangte, während in der europäischen Sicherheitsbewertung der EFSA ein Abbauprodukt des Wirkstoffs 3-NOP erwähnt wurde. Bei Tierversuchen mit 3-NOP waren unter anderem schädliche Auswirkungen auf die männlichen Fortpflanzungsorgane festgestellt worden. Mogensen konfrontierte die Behörden mit den widersprüchlichen Informationen. «Zwei Wochen später wurden die entsprechenden Texte auf ihren Websites angepasst. Als ich danach fragte, warum, räumten sie ein, dass die früheren Informationen nicht korrekt gewesen waren. Ihrer Aussage nach ging es um sehr kleine Mengen, aber sie mussten also zugeben, dass ihre ursprüngliche Formulierung nicht stimmte.»
Im September 2025 erhielt er über einen Whistleblower Zugang zu einer geschlossenen Kommunikationsplattform für Milchviehhalter. Dort sah der Journalist – der vor Corona jahrzehntelang in der etablierten Presse tätig war, aber unabhängig wurde, als er das Vertrauen in die Mainstreammedien verlor –, wie Landwirte seiner Ansicht nach unter Druck gesetzt wurden, Bovaer nicht während der vorgeschriebenen achtzig Tage, sondern das ganze Jahr über einzusetzen. «Wir wussten noch überhaupt nicht, wie es sich in grossem Massstab auswirken würde, trotzdem wurde schon früh Druck ausgeübt, weiterzumachen.»
Kurz nachdem die Verpflichtung im Oktober 2025 in Kraft getreten war, gingen die Meldungen ein. Landwirte teilten Bilder von Kühen mit Durchfall, aufgeblähten Bäuchen und Problemen beim Gehen oder Aufstehen. Auch Todesfälle wurden gemeldet. «Es hörte nicht auf. Jeden Tag kamen neue Geschichten und Bilder hinzu. Anfangs hatten die Landwirte Angst, damit an die Öffentlichkeit zu gehen, aber als die Ersten ihre Erfahrungen teilten, folgten immer mehr.» Eine Erhebung des dänischen Wissensinstituts SEGES Innovation unter 644 Milchviehbetrieben zeigte, dass 419 Betriebe nach der Einführung von Bovaer eine verringerte Futteraufnahme und 434 einen Rückgang der Milchproduktion meldeten. Auch Verdauungs- und Stoffwechselprobleme wurden gemeldet. Ein direkter ursächlicher Zusammenhang wurde damit nicht festgestellt.
Die Beschwerden veranlassten die dänische Regierung, die Vorschriften zu lockern. Seit diesem Monat können Tierhalter, deren Kühe zuvor gesundheitliche Probleme hatten, leichter von der Verwendung von Bovaer ausgenommen werden. Für andere Betriebe mit mehr als fünfzig Milchkühen bleibt die Verpflichtung bestehen, methanreduzierendes Futter zu verwenden: achtzig Tage lang Bovaer oder das ganze Jahr über zusätzliches Fett ins Futter zu geben, um die Methanbildung im Pansen zu verringern. Der dänische Minister für Natur und Tierschutz, Christian Rabjerg Madsen, betrachtet Bovaer weiterhin als wichtiges Instrument zur Erreichung der Klimaziele.
Bemerkenswerterweise nahm ein Milchviehhalter, der bereits im vergangenen Jahr Probleme mit Bovaer erlebt hatte, erneut an dem Versuch teil, der nach sechs Tagen abgebrochen wurde. Mogensen untersucht derzeit, was genau dort geschehen ist. «Vor Beginn wurden vierzehn Tage lang Blut-, Urin- und Milchproben entnommen. Auch während des Versuchs wurden die Tiere genau beobachtet.» Laut Mogensen machen diese Proben die Untersuchung besonders interessant. «Das Besondere ist, dass es sich um einen offiziellen Versuch handelte, der vom Hersteller bezahlt wurde. Und nun musste er laut dem Landwirt abgebrochen werden, weil die Kühe krank wurden. Die Untersuchungsergebnisse sind noch nicht bekannt. Damit steht auch nicht fest, dass Bovaer die Ursache war. Die gesammelten Proben könnten jedoch möglicherweise genauer zeigen, was in den Kühen vor sich geht. Das ist eine wichtige Geschichte.»
Solange es keine Klarheit gibt, wächst bei den Konsumenten der Widerstand gegen Milch von Kühen, die mit Bovaer gefüttert wurden, weiter. Besonders der Milchkonzern Arla steht in der Kritik, während kleinere Hersteller wie Thise seiner Ansicht nach von der Nachfrage nach Milch ohne Bovaer profitieren. Mogensen stellt zudem die Verkaufszahlen von Arla infrage. «Ich würde gerne wissen, wie sich der Verkauf konventioneller Milch in Dänemark entwickelt. Diese Zahlen sind nicht mehr separat einsehbar. Ich vermute, dass es diesem Markt überhaupt nicht so gut geht.»
Die Europäische Kommission hat EFSA inzwischen gebeten, die Sicherheit von 3-NOP erneut zu bewerten. Die Ergebnisse werden Ende November erwartet. Dennoch sieht Dänemark vorerst keinen Anlass, den Einsatz von Bovaer vollständig auszusetzen. Unverständlich, findet Mogensen, denn die beunruhigenden Meldungen halten an. «Ich habe mit Tierärzten, Landwirten und Organisationen gesprochen. Viele konnten sich nicht vorstellen, dass es nach dem vergangenen Jahr einfach weitergehen würde. Genau das passiert nun, und die ersten Meldungen über kranke Kühe gehen bereits wieder ein.»
«Kein Anlass für Massnahmen»
FrieslandCampina, von dem bekannt ist, dass das Unternehmen mit Hunderten niederländischen Milchviehbetrieben einen Bovaer-Pilotversuch durchgeführt hat, teilt auf Anfrage von De Andere Krant mit, die dänischen Meldungen nicht wiederzuerkennen, und sieht «keinen Anlass für zusätzliche Massnahmen». Auch die NVWA, die Aufsichtsbehörde für Lebensmittelsicherheit, beschwichtigt die Sorgen und erklärt, dass «der Nachweis von NOPA in Milch zwar möglich ist, das aber nicht bedeutet, dass es schädlich ist». Die Behörde verweist auf Untersuchungen der Dänischen Universität Aarhus, die im ClimateMilk-Projekt eng mit dem Bovaer-Hersteller DSM-Firmenich zusammenarbeitet. Der Chemiekonzern aus Maastricht antwortete nicht auf die Fragen dieser Zeitung. Arla hingegen tat dies und teilte schlicht mit, dass «das Tierwohl bei Arla und unseren Milchviehhaltern an erster Stelle steht».
