6. November 2026

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Corona: Ist es tatsächlich vorbei, oder leben wir in einer Parallelwelt?

 

Haben wir die Corona-Zeit wirklich überwunden, oder leben wir nur so, als hätten wir sie überwunden? Diese Frage klingt im ersten Moment vielleicht übertrieben, fast dramatisch. Schließlich sind die meisten sichtbaren Zeichen dieser Jahre verschwunden. Doch wer genau hinsieht, spürt die Folgen dieser Zeit im Alltag und im täglichen Miteinander noch immer.

Ein Gastkommentar von Rudolf Alethia

Die Straßen sind wieder belebt, Lokale haben geöffnet, Büros sind besetzt, die Züge sind überfüllt. Menschen gehen zur Arbeit, feiern Geburtstage, planen wieder Urlaube und reisen wieder; sie sitzen wieder dicht nebeneinander in Cafés und diskutieren über Mieten, Preise, Politik oder das Wetter. 

Gerade weil es im Moment keinen beherrschenden öffentlichen Anlass gibt, über die Corona-Zeit zu sprechen, wirkt das Schweigen darüber auffällig. Keine Pressekonferenz, keine neue Verordnung, keine täglich dominierenden Fallzahlen zwingen uns mehr dazu, hinzusehen. Doch die Frage ist geblieben, ob eine Krise wirklich endet, nur weil sie nicht mehr das Hauptthema ist.

Haben alle ihre Sorglosigkeit zurückbekommen?

Von außen betrachtet könnte man also sagen: Ja, die Krise ist vorbei, wir haben unser Leben zurück. Doch eine Gesellschaft kann äußerlich zur Normalität zurückkehren, während innerlich noch Spuren des Ausnahmezustands nachwirken. Es reicht nicht, dass Türen wieder offenstehen, wenn schon kleine Alltagssituationen bei manchen noch Vorsicht auslösen. Es reicht nicht, dass wir wieder zusammensitzen, wenn manche innerlich noch auf Abstand bleiben. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob wir unsere alten Abläufe zurückbekommen haben. Die eigentliche Frage lautet, ob wir auch unsere alte Unbefangenheit, unsere Sorglosigkeit zurückgewonnen haben.

Wir haben vieles zurückbekommen, aber nicht alles. Wir haben Arbeitsplätze, Termine, Reisen, Schulalltag und Konsum zurück. Aber bei einigen hat sich die medial kolportierte Virenangst eingebrannt. Früher war eine Türklinke eine Türklinke. Ein fremdes Husten in der Straßenbahn war unangenehm, aber kein innerer Alarm. Eine Umarmung war eine Geste der Nähe, drückte Wärme aus und war keine kleine Mutprobe. Heute hat vieles davon für manchen immer noch eine zweite Bedeutung. Für manche haben Berührung, Nähe oder Atem seitdem eine zusätzliche Bedeutung bekommen. Vielleicht ist genau das der Grund, warum uns der Abschluss so schwerfällt: Die Corona-Zeit war nicht nur ein äußerer Ausnahmezustand, sondern auch eine Erfahrung, die unser Verhalten zumindest teilweise verändert hat.

Schon ein Gang durch manche Städte zeigt, dass Spuren dieser Vergangenheit geblieben sind. Am Eingang vieler Geschäfte stehen noch immer Desinfektionsspender. Manche sind leer, manche funktionieren nicht mehr, manche werden kaum beachtet. Trotzdem stehen sie da wie kleine Denkmäler einer Zeit, in der selbst alltägliche Griffe, Einkäufe und Kontakte plötzlich mit Vorsicht verbunden waren. Sie sind kein Beweis dafür, dass alle noch Angst haben. Aber sie zeigen, dass die Spuren dieser Jahre nicht vollständig verschwunden sind. Auch Markierungen auf Böden, verblasste Hinweisschilder oder Plexiglasscheiben an Kassen erinnern an eine Zeit, in der Nähe plötzlich mit Risiko verbunden wurde. Solche Reste im Alltag halten Erinnerungen wach, auch wenn niemand mehr ausdrücklich darüber spricht.

Das zeigt sich in der kurzen Bewegung zur Tasche, wenn jemand nach Desinfektionsmittel sucht, im kleinen Schritt zurück, wenn jemand im Supermarkt zu nah kommt, und im prüfenden Blick, wenn in der U-Bahn jemand hustet. Ob es harmlose Gewohnheiten oder tiefere Nachwirkungen sind, lässt sich nicht immer eindeutig sagen. Aber gerade diese Unsicherheit zeigt, dass die Zeit nicht einfach folgenlos verschwunden ist. Offene Restaurants, volle Veranstaltungskalender und spontane Reisen reichen nicht aus, wenn das Vertrauen in Nähe bei manchen beschädigt bleibt.

»Ich kann es nicht mehr hören«

Auffällig ist, dass manche Menschen gereizt reagieren, sobald das Thema überhaupt berührt wird. »Ich kann es nicht mehr hören«, heißt es dann. Dieser Satz fällt nicht nach einer langen Diskussion, sondern bereits beim ersten Hinweis. Er klingt nach Müdigkeit, nach Abwehr, nach dem Wunsch, die Vergangenheit endlich hinter sich zu lassen. Dieser Satz kann vieles bedeuten: Er kann Erschöpfung ausdrücken, Abwehr, Scham, Überdruss oder einfach den Wunsch, endlich nach vorn zu schauen.

Gerade deshalb sollte man ihn ernst nehmen. Denn niemand möchte dauerhaft in alten Ängsten leben. Niemand möchte ständig an Einschränkungen, Streit, Einsamkeit, Krankheit oder politische Konflikte erinnert werden. Aber Verdrängung ist keine Verarbeitung. Wenn ein Thema sofort abgewehrt werden muss, zeigt das nicht unbedingt, dass es erledigt ist. Es kann auch zeigen, dass es noch immer schmerzt.

Vielleicht wollen manche nicht mehr über die Corona-Zeit sprechen, weil sie nicht wissen, wie man über sie sprechen kann, ohne sofort wieder alte Konflikte auszulösen. Vielleicht ist die Corona-Zeit für manche nicht wirklich vorbei: nicht in Form von Regeln, sondern in Form von Reflexen; nicht in Form von täglichen Schlagzeilen, sondern in Form innerer Erschöpfung. Das Thema ist aus der öffentlichen Aufmerksamkeit verschwunden, aber seine Wirkung scheint an vielen Stellen geblieben zu sein. So entsteht ein Widerspruch: Offiziell wirkt vieles normal, persönlich aber bleibt manches ungeklärt.

Gleichzeitig tragen manche Menschen noch Spuren dieser Zeit mit sich. Viele benutzen andere Worte, sprechen über Stress, Müdigkeit, Überforderung, Gereiztheit oder soziale Kälte. Selten sagen sie: »Ich bin noch immer geprägt von dem, was damals passiert ist.« Manche wirken misstrauischer, andere einsamer, wieder andere gereizter. In manchen Familien kam es zu Streit, manche Freundschaften zerbrachen, manche Nachbarschaften wurden distanzierter. Die einen fühlten sich nicht ausreichend geschützt, die anderen fühlten sich bevormundet. Einige erlebten die Zeit als notwendige Solidarität, andere als massiven Kontrollverlust. Diese unterschiedlichen Erfahrungen stehen bis heute oft nebeneinander, ohne ausreichend besprochen worden zu sein. Deshalb ist zumindest die Wirkung dieser Zeit noch nicht vollständig vorbei.

Aufarbeitung – politisch, aber auch gesellschaftlich

Auch politisch ist Aufarbeitung nötig. Wer über die Nachwirkungen der Corona-Zeit spricht, darf nicht nur über persönliche Gefühle reden. Es geht auch um die Frage, wie eine Gesellschaft in Krisen mit Freiheit, Schutz und staatlicher Macht umgeht. Das bedeutet nicht, dass in einer Krise keine Schutzmaßnahmen ergriffen werden dürfen. Ein Staat muss handeln können. Er muss Leben schützen, Strukturen sichern und Verantwortung übernehmen. Aber genau deshalb braucht es während und nach jeder Krise eine gründliche Debatte darüber, welche Entscheidungen notwendig, welche umstritten, welche überzogen und welche problematisch sind und waren.

Gleichzeitig stellt sich die Frage, was mit einem Leben geschieht, das lange vor allem von Vorsicht und Angst geprägt ist. Dann kann es passieren, dass Kontakte stärker abgewogen werden, Entscheidungen vorsichtiger ausfallen und Nähe mit einem inneren Fragezeichen versehen wird. Aber ein Leben, das sich zu sehr am Schutz vor dem Tod orientiert, kann etwas Wesentliches verlieren. Es kann Fülle verlieren. Es kann Mut verlieren. Es kann an Spontaneität, Nähe und Leichtigkeit verlieren. Ein weiterer Schaden besteht darin, dass sich viele Menschen durch die Corona-Zeit gegeneinander gestellt fühlten. Man beurteilte einander nach Entscheidungen, Ängsten, Überzeugungen und Vorsichtsmaßnahmen. Wer anders dachte, wurde vorschnell eingeordnet: als verantwortungslos, ängstlich, gehorsam oder egoistisch.

Diese Etiketten wirken teilweise bis heute nach. Sie haben Gespräche erschwert und Vertrauen belastet. Viele Menschen haben gelernt, bestimmte Themen zu meiden, weil sie wissen, wie schnell daraus Streit entsteht. Doch ein Frieden, der nur durch Schweigen entsteht, ist brüchig. Er kann jederzeit wieder zerbrechen. Wenn wir nicht lernen, über diese Zeit zu sprechen, ohne einander sofort zu verurteilen, kann diese Spaltung bestehen bleiben. Dann bleibt diese Zeit eine offene Stelle im gesellschaftlichen Gedächtnis.

Es wäre allerdings zu einfach, die gesamte Verantwortung allein bei den Regierenden, den Medien oder Institutionen zu suchen. Ja, Macht muss kontrolliert werden. Ja, Entscheidungen müssen überprüft werden. Ja, Fehler müssen benannt werden dürfen. Aber wir müssen auch auf uns selbst schauen. Auch wir müssen uns fragen, wo Angst unser Denken enger gemacht hat. Wir haben manchmal zu schnell geurteilt, zu wenig gefragt, zu hart über andere gesprochen. Auch in der Gesellschaft wurde Spaltung zugelassen oder zumindest nicht immer verhindert. Manche wollten um jeden Preis Sicherheit, andere um jeden Preis Freiheit. Wenn wir aus dieser Zeit etwas lernen wollen, dann vielleicht das: Eine Gesellschaft darf sich in Krisen schützen, aber sie darf dabei ihre Menschlichkeit nicht verlieren. Und Menschlichkeit beginnt dort, wo man den anderen nicht sofort zum Feind erklärt.

Was Aufarbeitung bedeuten würde

Die Corona-Zeit zu überwinden, würde in erster Linie bedeuten, ehrlich hinzusehen. Wir müssten uns fragen, welche Ängste geblieben sind, welche Gewohnheiten uns noch prägen und welche Formen von Nähe wir neu lernen müssen. Wir müssten Möglichkeiten schaffen, in denen Menschen erzählen können, was diese Jahre mit ihnen gemacht haben: Kinder, Jugendliche, Alte, Kranke, Alleinlebende, Eltern, Pflegekräfte, Selbstständige, Schüler und Künstler. Alle haben eine eigene Geschichte. Wer nur eine einzige Version der Krise zulässt, erschwert Versöhnung.

Auch sollten wir alle wieder Wärme und echte Nähe üben. Wir sollten eine Umarmung nicht als Selbstverständlichkeit abtun, sondern sie als etwas Wertvolles sehen. Ein Gespräch sollten wir nicht sofort abbrechen, wenn es unbequem wird und nicht unserem Standpunkt entspricht. Normalität beginnt nicht nur mit geöffneten Geschäften oder funktionierender Gastronomie, sondern auch mit Vertrauen. Die Corona-Zeit ist äußerlich vorbei. Innerlich und gesellschaftlich ist sie es nicht überall. Eine Gesellschaft kann nur schwer heilen, wenn sie ihre Wunden nur bedeckt. Sie muss diese Wunden ansehen, benennen und aushalten.

Gleichzeitig müssen wir wachsam gegenüber politischen Entscheidungen bleiben. Die Corona-Zeit hat gezeigt, wie stark Angst, Schutzbedürfnis und politische Entscheidungen ineinandergreifen können. Genau deshalb braucht es Rückblick, Kritik und Kontrolle: nicht aus Hass, sondern damit Angst nicht unkritisch zur Grundlage politischer Entscheidungen wird.

Angst kann verhindern, dass notwendige Fragen gestellt werden. Eine Gesellschaft, die nicht mehr widerspricht, riskiert, ihre Fähigkeit zu verlieren, Macht zu begrenzen. Die Corona-Zeit endet nicht einfach mit dem Ende der Maßnahmen. Sie endet erst dort, wo Erinnerung, Kritik und Versöhnung möglich werden. Nicht das Reden darüber hält uns in der Krise fest, sondern das Schweigen.

 

Corona: Ist es tatsächlich vorbei, oder leben wir in einer Parallelwelt?