Grossbritannien und Frankreich treiben die Vorbereitungen für eine Stationierung europäischer Streitkräfte in der Ukraine voran. Britische Soldaten sollen das Recht erhalten, bei Angriffen russischer Einheiten zurückzuschiessen. Gleichzeitig bereiten elf europäische Staaten eine grossangelegte Militärübung vor. Was offiziell als Absicherung eines künftigen Friedens bezeichnet wird, birgt das Risiko einer direkten militärischen Konfrontation zwischen Russland und europäischen NATO-Staaten.
Wie Sky News am 3. November 2026 berichtet, haben westliche Regierungsvertreter bestätigt, dass britische Soldaten im Rahmen einer geplanten multinationalen Mission in der Ukraine bei russischen Angriffen das Feuer erwidern dürften. Die Truppe soll von Grossbritannien und Frankreich geführt werden und nach einem möglichen Waffenstillstand in der Ukraine stationiert werden. Damit könnte erstmals eine Situation entstehen, in der reguläre britische und russische Streitkräfte unmittelbar gegeneinander kämpfen.
Die militärischen Vorbereitungen sind bereits weit fortgeschritten. Vom 9. bis 22. November sollen bei der Übung Koalicja in Polen rund 2.800 Militärangehörige aus elf Staaten den möglichen Einsatz proben. Darunter befinden sich 1.500 französische und 300 britische Soldaten. Beteiligt sind ausserdem Deutschland, Belgien, Estland, Litauen, die Niederlande, Polen, Spanien, Schweden und die Türkei. Geübt werden die Verlegung und Versorgung multinationaler Streitkräfte sowie die gemeinsame militärische Führung. Britische Typhoon-Kampfjets und Tankflugzeuge gehören ebenso zum Szenario wie türkische Marineeinheiten, die eine Minenräumung im Schwarzen Meer vorbereiten sollen.
Die geplante Streitmacht trägt die Bezeichnung Multinational Force Ukraine (MNF-U). Sie ist der militärische Arm der von London und Paris geführten «Koalition der Willigen». Nach offiziellen Angaben soll sie nicht als NATO-Mission auftreten und auch keine klassische Friedensüberwachung übernehmen. Stattdessen sollen europäische Soldaten die ukrainischen Streitkräfte ausbilden, deren militärische Fähigkeiten wiederherstellen und die Sicherheit im ukrainischen Luft- und Seeraum unterstützen. Nach Angaben britischer Regierungsvertreter soll die Mission möglichst unabhängig von amerikanischer Militärtechnologie operieren.
Besonders brisant ist jedoch die ausdrückliche Erlaubnis, militärische Gewalt anzuwenden. Bereits in der am 6. Januar 2026 von Grossbritannien, Frankreich und der Ukraine unterzeichneten Absichtserklärung wurde festgelegt, dass die beteiligten Streitkräfte zur Erfüllung ihrer Aufgaben und zum Schutz von Personal, Ausrüstung und Infrastruktur erforderlichenfalls Gewalt anwenden dürfen. Damit ist die geplante Mission keineswegs auf eine rein symbolische Präsenz beschränkt.
Russland hat seinerseits wiederholt erklärt, dass es ausländische Streitkräfte auf ukrainischem Territorium als militärische Ziele betrachten würde. Die Sprecherin des russischen Aussenministeriums, Maria Sacharowa, bekräftigte diese Position im Juli 2026. Eine Stationierung westlicher Truppen würde Moskau als ausländische Intervention und als Bedrohung seiner Sicherheit betrachten. Darüber berichtete Reuters am 15. Juli.
Genau hier liegt der gefährliche Widerspruch der europäischen Planungen. Während London und Paris ihre Truppen als Beitrag zur Sicherung eines künftigen Friedens betrachten, kündigt Moskau bereits an, eine solche Präsenz nicht zu akzeptieren. Sollte es nach einer Stationierung zu einem russischen Angriff kommen, könnten britische oder französische Soldaten das Feuer erwidern. Aus einer vermeintlichen Sicherheitsmission könnte damit innerhalb kürzester Zeit ein direkter militärischer Konflikt zwischen Russland und einzelnen europäischen NATO-Mitgliedern entstehen. Ein solcher Zusammenstoss würde nicht automatisch einen Bündnisfall auslösen, könnte aber erheblichen politischen und militärischen Eskalationsdruck erzeugen.
Der britische Verteidigungsminister Wes Streeting macht unterdessen deutlich, dass London die Vorbereitungen ernst nimmt. Die geplante Streitmacht sei keine theoretische Überlegung, sondern eine reale militärische Formation, die nach einem Ende der Kampfhandlungen bereitstehen solle. Allerdings ist bislang weder ein Waffenstillstand vereinbart noch eine tatsächliche Stationierung beschlossen worden. Voraussetzung wären das Ende der Kampfhandlungen und entsprechende politische sowie militärische Bedingungen.
Kann eine Friedensordnung funktionieren, wenn eine der unmittelbar beteiligten Kriegsparteien die vorgesehenen ausländischen Truppen bereits im Voraus als militärische Ziele bezeichnet?
Europa bereitet sich damit auf ein Szenario vor, dessen Voraussetzungen noch gar nicht existieren. Während diplomatische Lösungen weiter auf sich warten lassen, werden militärische Strukturen, Einsatzpläne und mögliche Gefechtsregeln bereits ausgearbeitet. Die Regierungen sprechen von Abschreckung und langfristiger Sicherheit. Doch die Gefahr bleibt, dass ausgerechnet die Truppen, die einen künftigen Frieden absichern sollen, zum Auslöser einer neuen Eskalation zwischen Russland und Europa werden.
Quellen:
- Sky News – Britische Truppen dürfen bei Angriffen russischer Kräfte zurückschiessen, 3. November 2026
- Britisches Verteidigungsministerium – Militärübung Koalicja mit elf Nationen, 3. November 2026
- Britische Regierung – Offizielle Erklärung zur multinationalen Streitmacht, Januar 2026
- Reuters – Russland betrachtet westliche Truppen als militärische Ziele, 15. Juli 2026
- The Guardian – Europäische Einsatzkräfte und die Gefahr einer direkten Konfrontation, 3. November 2026
